Wer Lawrence Wrights Buch "Der Tod wird euch finden" gelesen hat, kennt CIA-Mann Michael Scheuer als polternden Leiter der Bin Laden Unit "Alec Station". Er musste unter heftigem Protest mit ansehen, wie mehrere Gelegenheiten, Osama Bin Laden per Cruise Missile zu töten, von den Entscheidungsträgern bewusst nicht wahrgenommen wurden. Der verbitterte al-Quaida-Jäger wurde letztlich kaltgestellt.
Scheuer lässt in diesem Buch seinen Frust ab, der sich gegen die beiden Bush-Regierungen sowie Bill Clinton und dessen Chefkoordinator für Terrorbekämpfung Richard A. Clarke ("Against All Enemies") richtet. Er sieht die gesamte geistige Elite Amerikas auf dem Holzweg. Lediglich Ronald Reagan wird aufgrund seiner kompromisslosen Haltung gegenüber dem "Reich des Bösen" positiv hervorgehoben. Der CIA-Veteran beruft sich auf die amerikanischen Gründerväter, wenn er der Sicherheit der USA erste Priorität einräumt. Seit Ende des kalten Krieges sieht er diese Kernaufgabe durch die politische Elite des Landes über alle Parteigrenzen hinweg ("bipartisan") nicht mehr als erfüllt an.
Man muss in diesem Werk unterscheiden zwischen dem wahren Kern und der emotionalen und zornigen Reaktion Michael Scheuers, die in schaurigen Gewaltfantasien gipfelt, welche diejenigen der islamistischen Terroristen noch übertreffen.
Zunächst zu den Sachargumenten:
- Al Quaida bekämpft die USA nicht aufgrund des dortigen "way of life" mit freien Wahlen, sekulärem Staat, Gleichberechtigung der Frauen, Pressefreiheit etc., wie es Politik und Medien darstellen, sondern wegen der Außenpolitik, die einseitig für Israel Partei ergreift und despotische Staaten im Nahen Osten, wie Saudi-Arabien und Ägypten unterstützt sowie der ständigen Militärpräsenz auf der Arabischen Halbinsel, auf der sich die heiligen Stätten des Islams befinden. Die "Ungläubigen" werden hier von einer breiten Bevölkerungsmehrheit als Eindringlinge und Eroberer wahrgenommen.
- Die USA haben sich trotz der Ölkrise in den Siebzigerjahren und des Erpressungspotentials der Araber nicht von den Rohstoffquellen im Nahen Osten unabhängig gemacht sondern aufgrund einer fehlenden Energiepolitik ihre gesamte Volkswirtschaft den Scheichs ausgeliefert, was unmittelbar mit der Unterstützung korrupter Regime zusammenhängt. Gleichzeitig wird deren Wohlverhalten gegenüber Israel erkauft.
- Bei bewaffneten Auseinandersetzungen vertraut Amerika auf seine hochtechnisierte Armee mit ihren "Präzisionswaffen", die allerdings gegen Djihadis kaum etwas ausrichten und folglich Kriege wie in Afghanistan und im Irak nicht gewinnen kann.
Die Schlussfolgerungen Scheuers sind mehr als zwiespältig. Sie stehen alle unter der Überschrift "America first", was zunächst ja nicht falsch ist:
- Unabhängige Energiepolitik mit Fokus auf Erschließung eigener Rohstoffquellen, Energieeinsparung, Atomkraft und erneuerbare Energien. Das klingt vernünftig.
- "Mind our own business" heisst, dass Kriege nicht überall auf der Welt geführt werden dürfen, um islamischen Kulturen westliche Werte wie Demokratie und Emanzipation der Frauen zu bescheren, sondern allein um den Schutz des eigenen Landes zu garantieren und Terroristen zu bekämpfen. Das kann man unterschreiben. Wir Deutsche können uns fragen, ob unsere Freiheit am Hindukusch durch "THW-Einsätze" der Bundeswehr langfristig zu verteidigen ist.
- Keine Unterstützung von despotischen und korrupten Regierungen, auch um den Preis, dass diese dann durch Islamisten hinweggefegt würden. Völlig richtig, denn die Glaubwürdigkeit der USA würde dadurch wiederhergestellt.
Nun wird es grenzwertig:
- Kein Staat auf der Welt hat ein Existenzrecht, weder die USA noch Frankreich, Deutschland - und auch nicht Israel. Jedoch wird niemand auf der Welt das Existenzrecht der USA oder anderer Staaten anzweifeln. Das völkerrechtlich garantierte Existenzrecht Israels wird dagegen täglich durch radikale Moslems, westliche Linksintellektuelle und Rechtsradikale in Frage gestellt. Scheuer kümmert es nicht. Sollen die Araber mit Israel machen was sie wollen. Auf die Idee, dass Israel bei einer existentiellen Bedrohung als Ultima ratio einen Atomkrieg auslösen könnte, kommt er nicht.
- Wenn Amerika im Falle der Selbstverteidigung wie bei 9/11 zu einem Militärschlag gezwungen ist, dann sollte dieser mit aller Brutalität erfolgen. Amerika wäre heute ein sichererer Ort "if ... we had fire-bombed Kabul and Khandahar, demolished whatever ruins were left, and sown salt over the length and width of both sites." Ein ähnlicher Tonfall des gläubigen Katholiken Scheuer kommt in diesem Buch häufiger vor. Da fängt es den Leser an zu grausen. Menschenrechtsorganisationen, NGOs und die europäischen Verbündeten sieht er grundsätzlich als Verhinderer an, wenn es darum geht, dass die USA im Krieg konsequent durchgreifen könnten. Ausgerechnet die US Army würde ständiges "Appeasement" betreiben!
- Guantanamo Bay und Abu Ghraib werden in ihrer Wirkung auf die moslemische Welt mit dem Zitat eines byzantinischen Kaisers durch Papst Benedikt gleichgesetzt. Wie bitte? Das Gefangenenlager auf Kuba erachtet Scheuer in dem assymetrischen Kampf als notwendige Maßnahme.
- Die Europäer werden als gottlose, unmännliche Schwächlinge dargestellt, die nach dem 2. Weltkrieg innerhalb der Europäischen Gemeinschaft ihre "Tugenden" wie Autoritarismus, Nationalismus und Kriegsbereitschaft drangegeben haben, um in einer Superbürokratie aufzugehen. Aber das wäre sowieso egal, denn durch die demographische Entwicklung stürben wir langsam aus, und der Kontinent würde von den Muslimen übernommen. Wir sollten nur die Türkei in die EU aufnehmen, dann ginge dieser Prozess schneller.
Schade, dass Scheuer die im Grunde richtigen Kernaussagen dieses Buches nicht vertieft und in eine rationale Strategie weiterentwickelt, wie man es von einem Wissenschaftler mit Doktortitel, einem Bachelor- und zwei Mastergrades erwarten könnte, sondern in emotionale und zornige Tiraden verfällt, die das ganze Werk diskreditieren.