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Erwin Mortiers Romandébut «Marcel»
Mit Hingabe versieht die Grossmutter den Totenkult. Sie sei die «Totenpflegerin ihrer Sippe», heisst es, und ihr Haus «eine irdische Erweiterung des Himmels». Sorgsam gerahmt versammelt sie die Bilder der Verstorbenen in ihrem Wohnzimmer. Sie ist Hüterin der Toten und ihre Zuchtmeisterin: Noch postum kann ein Familienmitglied in die entfernteren Kreise der um eine Marienstatue gruppierten Photographien relegiert werden. Der Tod ist die Fortsetzung des Lebens unter anderen Vorzeichen. Die Toten der Grossmutter bleiben unter den Lebenden.
Indessen könnte man der Grossmutter keine Neigung zum Morbiden nachsagen. Sie hängt am Leben und an den Lebenden; aber sie kennt keine Sentimentalität, wenn es ums Sterben geht. Da bleibt sie ganz sachlich und nüchtern. Den Toten gegenüber bewahrt sie indessen eine zarte, ja empfindsame Anhänglichkeit. Etwas hart verbittert wäre schon zu viel gesagt dürfte sie zwar geworden sein, doch nicht erst im Alter. Unter all den Toten trägt sie an einem schwer, schon lange. Während sie fortwährend die Totenruhe aller anderen stört, lässt ihr dieser eine seinerseits keine Ruhe. Sein Bild steht zwar auch in der Vitrine der Grossmutter; begraben ist er nirgends. Man wird ihn verscharrt haben; irgendwo auf den Schlachtfeldern Russlands. Marcel, der jüngste Bruder der Grossmutter, war als flämischer Faschist und Freiwilliger der Wehrmacht im Sommer 1943 an der Ostfront gefallen.
Der 1965 in Flandern geborene Erwin Mortier greift in seinem Romanerstling «Marcel», 1999 in Amsterdam erschienen und mittlerweile mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, einen sperrigen und unbequemen Stoff auf: die Kollaboration der flämischen Nationalisten während der Zeit der deutschen Besatzung sowie deren Teilnahme an Hitlers Feldzügen. Im Wissen darum, dass die grossen Dramen der Geschichte oft nur im Spiegel der alltäglichen Dramolette zu Literatur geformt werden können, hütet sich Mortier, sein Thema direkt anzugehen. Geschickt hat er das Romangeschehen in die späten sechziger Jahre verlegt und schildert aus der wohl autobiographisch geprägten Perspektive eines vielleicht achtjährigen Knaben die wohlige Trägheit eines flämischen Sommers, dessen Ereignislosigkeit aber von irrlichternden Signalen aus einer vergangenen und doch heillos fortdauernden Zeit durchbrochen wird. Den Erwachsenen gibt sie Anlass zu vagen Andeutungen und zu Geflüster, zu unverhohlener Wut und kaum unterdrücktem Ressentiment, zu Schmerz und Trauer, zu Wehmut und verletztem Nationalstolz. Arglos, aber auch verständnislos steht das Kind diesen wechselnden Gefühlslagen gegenüber.
Doch nicht allein das Flüstern der Erwachsenen oder die verstohlen hervorgekramten Reminiszenzen aus jener anderen Zeit verwirren den Knaben. Auch andere Eindrücke und Bilder drängen heran, treiben ihn um und lassen ihn ratlos zurück. An der verehrten Lehrerin entzünden sich die diffusen Imaginationen des erwachenden Eros. Doch kaum weiss er, wohin dieses Begehren drängt, wonach es verlangt. Das Verborgene unter den Kleidern bleibt ihm so unzugänglich wie das eigene Verlangen. Vollends allerdings gerät er in peinvolle Bedrängnis, als ihn ein etwas älterer Cousin fast gewalttätig, jedenfalls ungelenk zu küssen versucht. Er empfindet keinen Ekel, geschweige denn Lust: Er weiss ganz einfach nicht, was damit anzufangen sei. So geht der Sommer dahin. Wohl wie andere zuvor, die er in glücklicher Geborgenheit in Grossmutters Haus zugebracht haben wird. Und dennoch drängt nun auf einmal alles zu grösserer Bewusstheit; unmerklich lehnt sich etwas auf gegen all dieses Unsagbare und Unnennbare, und ungewollt macht sich der Knabe schuldig. Im Haus der Toten widerfährt dem Kind eine rite de passage .
Zwar muss das Kind auch eine Schwelle hin zur Adoleszenz überschreiten, vor allem aber macht es einen entschiedenen Schritt, um vielleicht erstmals und noch ganz ohne ein klares Bewusstsein davon zu sich selbst zu finden. Das mutet denn freilich wie ein modernes und mitunter hinreissend komisches Märchen an, was Erwin Mortier hier erzählt, wäre da nicht der zeitgeschichtliche Hintergrund und gäbe es da nicht dieses fortwährende Wetterleuchten an einem noch entfernteren Horizont. Denn Mortiers kindlicher Ich-Erzähler muss sich aus Verstrickungen befreien, in denen seine Eltern und Grosseltern befangen sind und die sich nun auf ihn zu übertragen drohen.
Nicht zufällig hat die Grossmutter den Knaben in übertriebener Fürsorge unter ihre Fittiche genommen, ist er doch Marcel, dem verschollenen Toten, wie aus dem Gesicht geschnitten. An ihm soll gutgemacht werden, was jener mit einem frühen Tod zu bezahlen hatte. Wie von einem Wiedergänger wird indes der Knabe vom unheimlichen Toten im Haus der Grossmutter verfolgt; gleichzeitig stöbert er auf dem Dachboden fasziniert in dessen Hinterlassenschaft. Schliesslich fällt ihm als kryptische Flaschenpost der mutmasslich letzte Brief zu, den Marcel vor seinem Einsatz an der Ostfront nach Hause schrieb. Dies alles, die nächtlichen Geräusche im Haus, der Plunder auf dem Dachstock, schliesslich dieser Brief, gibt dem Knaben unlösbare Rätsel auf. Nur an der Reaktion der Erwachsenen erkennt er, dass sich Ungeheures dahinter verbirgt; dass ihm zuletzt selbst Gefahr droht, weiss er nicht, ahnt es wohl noch nicht einmal. Lediglich aus einem Instinkt heraus handelt er, als er zusammenträgt, was er vom Verschollenen in die Hände bekommt, und das Wenige heimlich im Garten vergräbt. Die symbolische Grablegung weist dem Toten den Ort, wo er hingehört, und befreit das Kind von einem gespenstischen Schatten, der es zu erdrücken drohte.
In grossartiger Gelassenheit erzählt Erwin Mortier diese Geschichte einer im Stillen vollzogenen Befreiung und Ablösung; immer wieder richtet sich sein erzählerisches Augenmerk auf Nebenschauplätze und Nichtigkeiten; verschwenderisch arbeitet er Marginalien zu sprachlichen Kabinettstücken heraus; dahinter und darunter, fast unmerklich und jedenfalls ohne erzählerisches Gestikulieren, spielt sich dann die abgründige Idylle dieses flämischen Sommers ab, an deren Ende der Knabe zwar kein unschuldiges Kind, aber auch kein wehrloses Opfer einer in Schuld verstrickten Generation mehr ist.
Nicht die Impulse des Anklägers haben hier Mortier die Feder geführt; kaum dass er eine Figur denunziatorisch zeichnet, ganz auf das Erleben des Kindes konzentriert sich seine Erzählung. Nie gibt er die ahnungslose und unschuldige Perspektive des Kindes auf, und dennoch hält der ebenso dichte wie komplexe Text eine beträchtliche reflexive Höhe. Ganz leicht wird unter Mortiers Hand der historische Stoff; nur daran, wie sich die unbewältigte Hinterlassenschaft bleiern in die Seele des Knaben senkt, erkennt man deren Gewicht.
Roman Bucheli
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