Eine "Biographie des Werkes" sieht Jean-Yves Tadié als einzig sinnvolle Aufgabe einer Biographie über Marcel Proust an. Und danach ist dieses fulminate Werk zu messen - und wird am Ende für sehr gut befunden.
Tadié - er hat bereits als Herausgeber der Pléiade-Ausgabe der Werke Marcels Prousts große Meriten errungen - beschreibt nicht nur horizontal, wie Luzius Keller es einmal formuliert hat, er fügt der Horizontalen einer Lebensbeschreibung eine Vertikale hinzu, die das Umfeld von Proust und seine Einflüsse auf das Werk einbezieht. Außerdem findet der Leser in diesem Werk eine Essay. "Er beschreibt Prousts geistiges Universum, wie es entstanden ist, aufgrund welcher Büxher, welcher Gemälde, welcher Musik".
Tadié sieht den Biographen als einen Art Romancier, der den Ereignissen Bedeutung und Sinn verleihen will. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Proustsche Universum noch längst nicht ausgelotet ist, weil noch längst nicht alle Fakten offen liegen, einige nie bekannt werden und eine Reihe ungelöster Fragen zu beantworten wären, aber (noch) nicht beantwortet werden können. So ist auch diese Biographie - wie erst recht alle früheren - ein work in progress.
Tadié hat schon einmal ein großer Arbeit über Proust vorgelegt, die leider mittlerweile vergriffen ist. Die neue Biographie unterscheidet sich von der Arbeit von 1987 nicht zuletzt dadurch, dass es dem Autor gelungen ist, viele neue Fakten und Belege aufzuspüren, sie in den Werk- und Lebenszusammenhang zu bringen und für den Leser nachvollziehbar zu deuten.
Und eine letzte Bemerkung: Das Buch liest sich in der Tat wie ein Roman - blenden geschrieben und voller Überraschungen. Proust ohne Tadiés großartiger Biographie dürfte für lange Zeit nicht gehen.