Hildesheimer, Wolfgang, Marbot - Eine Biographie, 1981 (SZ-Bibliothek 2007)
Eine groß angelegte Irreführung des Lesers - hier bemüht sich einer der bedeutenden deutschen Schriftsteller der siebziger Jahre, den Leser glauben zu machen, dass mit diesem Buch die Biographie eines einzigartigen, bis dato fast ganz unbekannten Menschen vorgelegt werde, nämlich eines gewissen Marbot, eines englischen Kunstkritikers und Zeitgenossen der Romantiker. Obwohl es ihn in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat, behauptet der Sprecher , Marbot habe eine für seine Zeit revolutionäre und einzigartige Sichtweise von bildender Kunst initiiert, indem er nämlich nach dem Zusammenhang von Kunstwerk und unbewussten psychischen Motiven im Künstler gesucht und damit die moderne psychoanalytische Sichtweise bereits Anfang des 19.Jahrhunderts vorweggenommen habe. Gleichzeitig sei dieser Marbot - ein privilegierter Adliger- rätselhaft in seiner inzestuösen Beziehung zu seiner Mutter und in seinem frühen Freitod gewesen, der Sprecher versucht also akribisch den Spuren dieses Lebens nachzugehen, um so wie sein Held Aufschluss zu gewinnen über den Zusammenhang von Werk und Psyche.
Zu diesem Zweck gibt er sich als Wissenschaftler aus, der eine aufwändige und penible Recherche betreibt, um die Begegnungen Marbots in seiner Zeit mit berühmten Zeitgenossen (z.B. Goethe, Schopenhauer) darzustellen und seine Äußerungen zu meist weltberühmten Kunstwerken zu analysieren. Dabei ist auffällig, dass gewissermaßen eine Hypergenauigkeit an den Tag gelegt wird, um die Aussagen glaubwürdig zu machen. Es entsteht ein unbedingt überzeugendes Bild von der Zeit, in die Marbot eingebettet ist. Die Belege im Zusammenhang mit Marbot sind allerdings immer eher weniger bekannten oder nicht leicht zugänglichen Quellen entnommen, so dass der einigermaßen gebildete Leser sie nicht so ohne Weiteres wiedererkennen oder nachprüfen kann, er neigt vielmehr dazu, dem Ton der genauen Recherche zu vertrauen. Darüber hinaus sind die Kunstanalysen, die angeblich von Marbot stammen, so tiefgründig und in sich interessant, dass der Leser der Darstellung mit Gewinn und bereitwillig folgt. Marbot fasziniert außerdem durch seinen tiefen ethischen Ernst, sein kompromissloses Außenseiterschicksal und die Konsequenz, mit der er lebt, so dass der Leser ihn als real existierende, geschichtliche Person kaum noch in Frage stellt.
Es stellt sich also die zentrale Frage, warum Hildesheimer wohl diesen Aufwand getrieben hat - warum wollte er den Leser glauben machen, dass Marbot keine fiktive Gestalt ist? Eine Antwort könnte sein, dass er (wie es aus seinen theoretischen Äußerungen hervorgeht) der Möglichkeit von fiktionaler Literatur in seiner Zeit mehr und mehr misstraut hat und schließlich als Schriftsteller ganz verstummt ist. Dann wäre die Schein-Recherche für ihn eine Möglichkeit gewesen, doch noch einmal Literatur zu schaffen.
Eine andere Antwort: Der Autor hat sich mit Marbot eine Gestalt geschaffen, die seine eigenen kunsttheoretischen Gedanken repräsentierte, und diese Gestalt hat ihm darüber hinaus den Vorwand geboten, bestimmte brisante Themen, die ihn selbst beschäftigten (Inzest, Selbstmord), auszuloten. So schreibt der Sprecher selbst: "Der typische Biograph ist derjenige, der nicht nur seinen Helden wählt, sondern der - wie Freud sagt - auf eigentümliche Weise an ihn fixiert ist, und zwar - ich ergänze - auf eine solche Weise, dass er zunehmend der Idee verfällt, von seinem Helden gewählt worden zu sein." (147). Schließlich könnte man die dargestellte Methode Marbots, nach dem Zusammenhang zwischen dem Werk und der Psyche des Künstlers zu fragen, auf Hildesheimer selbst anwenden und in seiner Biografie nach Antworten suchen.
Das Buch ist brillant geschrieben und verrät ein profundes kulturhistorisches Wissen, sonst hätte der Autor gar nicht auf so überzeugende Weise mit dem Material spielen können. Gleichzeitig setzt es beim Leser ein echtes Interesse an den aufgeworfenen kunstästhetischen Fragen und Problemen voraus, und hier setzen meine Vorbehalte ein: Dieser ungeheure Aufwand, den Hildesheimer getrieben hat, um das Buch so zu schreiben, mag subjektiv begründet und notwendig gewesen sein. Es ändert nichts an der Tatsache, dass hier ein literarisches Werk mit nicht enden wollenden Quellenverweisen und kunstästhetischen Äußerungen theoretisch überfrachtet ist. Letzten Endes bleibt die Darstellung doch immer nur Fiktion, und man profitiert nicht davon, dass dies unbedingt verschleiert werden soll. Denn der Leser dürfte in der Regel Hildesheimers Skrupel der Literatur gegenüber nicht teilen, er ist nach wie vor noch bereit, der tieferen Wahrheit von Literatur zu glauben.