In der Ultra-Szene kennt man Deutschland-Läuferin Susanne Mahlstedt. Von 2004 datiert ihr Buch Marathon? Na, klar mit dem aussagekräftigen Untertitel Von 0 auf 100 km. Ihr Thema sind sie selbst und ihr Laufen, und zwar von den ersten Laufschritten im Jahr 2000 über ihr 12-Marathon-Jahr bis zum ersten Hunderter, dem Pharaonic Race im November 2003. Formal ist ihr Buch nichts anderes als eine chronologische Sammlung von Laufberichten.
Zielgruppe? Offen gesagt - wer noch nie Berührung mit dem Laufvirus hatte, dürfte kaum etwas damit anfangen können. Mich hat dieses Buch dagegen sehr stark berührt und vor allem inspiriert. Mein Vorhaben, in anderthalb Jahren den zehnten Marathon gelaufen zu sein, hat mit Mahlstedt zu tun. Also: Wer LäuferIn ist oder mindestens begonnen hat, es zu werden, der kann sich begeistern lassen, denn die/der versteht erst so richtig, was da erzählt wird. Und: Ich greife immer mal wieder gerne zu diesem Buch, nutze es sozusagen als Lesebuch.
Ich war überrascht, als ich auch bei Mahlstedt den Satz "Ich laufe, also bin ich" fand. Dieser Satz, nachgebildet dem "Ich denke, also bin ich" des französischen Philosophen Descartes, findet sich genauso kategorisch bei Murakami. Und wer weiß, bei welchen LäuferInnen noch?!
Sie denkt, also ist sie? Sie läuft, also ist sie? Was ist es denn nun? Und die Antwort ist von allgemeinem Interesse; es ist - denke ich - eine Läuferfrage. Mahlstedt bekennt im Vorwort, es gehe neben dem Laufen "mehr oder weniger am Rande um eine Lebensneuorientierung". Konkret: Ihr scheitert die Ehe. Sie nennt, wozu das Laufen hilft, "Lebensverarbeitung", schreibt dem Laufen "eine gewisse therapeutische Funktion" zu.
Das ist der persönliche Hintergrund dafür, dass Mahlstedt das Laufen "nicht nur als Sport" begreift, "sondern auch als eine besondere Art von Reisen". Dabei geht es ihr nicht allein um das Erkunden bisher fremder Städte und Landschaften: "Es kann aber auch eine Reise ins Innere stattfinden."
Und es gelingt ihr in ihren Berichten zu erfüllen, was sie eingangs verspricht, sie wahrt in ihren Texten "die Authentizität des Augenblicks", es gelingt, "meine Gedanken und Erlebnisse während des Laufes so ehrlich wie möglich festzuhalten". Dabei gibt sie manches Persönliche preis, sie weiß darum, tut es dennoch, denn anders wäre ihr Postulat an sich selbst nicht zu erfüllen. Denn schließlich ist für sie nicht nur das Laufen, sondern anscheinend doch auch das Schreiben darüber und das Veröffentlichen dessen Schritt zum Bewältigen des im persönlichen Leben Geschehenen, also der Beziehungsproblematik, die dem Leser übrigens im Detail verschwommen bleibt - und das ist auch richtig so.
So scheint mir, dass das Laufen eben doch Vehikel des Denkens ist. Und das ist viel! So wäre denn das Laufen der Katalysator des geistigen, gedanklichen Prozesses, der möglich macht, die seelische Katastrophe erst auszuhalten, sich ihr dann zu stellen, sie am Ende produktiv zu verarbeiten. Mahlstedts letzter Satz: "Durch die schriftliche Abarbeitung meiner Läufe mussten auch die beiden folgenden, völlig unterschiedlichen Loslösungen bestätigt werden, damit mein Leben sich öffnen kann für Neues..."
Nein, Mahlstedts Schilderungen sind dennoch kein Reisetagebuch eines läuferischen Psychotrips. Aber das Vorstehende ist in knappen Worten die Einordnung, die sie selber gibt und die ihre Antwort ist auf die Frage, was Laufen eigentlich ist oder doch sein kann oder könnte für jene oder für diesen.
Romanistin ist Mahlstedt mit besonderer Liebe zu Italien, lebt und läuft mit Töchtern und Hund. Und sie beschreibt in den mosaiksteinartig aneinandergereihten Texten ihre Entwicklung vom Gar-nicht-Laufen zum Ultra-Laufen. Der Prozeß ihrer Entwicklung wird mit fortschreitender Lektüre immer deutlicher erkennbar. Dabei lässt die Autorin das Training weitgehend beiseite, konzentriert sich auf Wettkämpfe, Erlebnisse, in der Tat auch auf das Reisen. Dabei hat sie den Blick für das für sie seinerzeit Neue, Ungewöhnliche und Überraschende, schildert die Menschen und ihre Begegnungen mit ihnen, macht damit ihren Einstieg in die Szene anschaulich.
Berlin (das fällt dem Berliner ins Auge) spielt für die Norddeutsche eine besondere Rolle. Hier hat sie studiert. Draußen in Dahlem an der Freien Universität (wie der Rezensent). Hier hat sie menschliche Kontakte. Hier hat sie auch Erfahrung mit deutscher Teilung und deutschem Zusammenwachsen. Und es sind die Läufe in Berlin, die sie gemacht hat (und nach wie vor macht). Halbmarathon und Marathon und nicht zuletzt der Team-Marathon im Plänterwald. Doch insgesamt ist es eine breite Palette des von ihr wahrgenommenen Laufveranstaltungsangebots, das dem Leser ins Bild kommt. Rennsteig. Hamburg. Remscheidt. Rostock. Kiel. Harz. Usw. Usf.
In ihren Berichten sind die Empfindungen, die Krisen, die Freuden des wiederholten laufenden Überschreitens der eigenen Grenzen erkennbar. Und es gelingt Mahlstedt damit wunderbar, dem Beginner und der Anfängerin mögliche Perspektiven zu weisen für die eigene Entwicklung als LäuferIn, indem sie ihren Weg erzählt und dabei auch die Entscheidungen, die Pros und Contras, die Ratschläge anderer, die Irrationalität mancher dieser Entscheidungen, natürlich auch die Verletzungen und Negativerfahrungen nicht ausläßt.
Aber dann sind da auch immer wieder diese emotionalen Ausbrüche, die großartige Begeisterung spüren lassen, wie nach der Schilderung des ersten Marathons unter vier Stunden: "Sogar eine Minute zu früh, einfach genial: Normalerweise komme ich doch nur Sekunden vor meinem gesteckten Ziel an. Super!!! Ich kämpfe mit den Tränen, kann es gar nicht fassen. Stilles, absolutes Glück!!! Ich habe es geschafft, geschafft, geschafft. Dreimal geschafft. Alles ist gut." Tatsächlich ist es das Buch einer Frau, die angekommen ist. Angekommen im Leben einer Läuferin, denn Laufen ist für sie zum Bestandteil ihrer Existenz geworden. Alltäglich ist es geworden. Aber doch. Es bleibt mindestens ein Hauch Wehmut zu spüren. Zwischen den Zeilen.
Mahlstedts Buch ist ein Vademecum, ein Ratgeber für Laufen. Aber es funktioniert auch ganz praktisch als Reiseführer. Nicht nur ins Innenleben des Läufers, sondern auch durch das überaus breite Angebot an Laufveranstaltungen.