Der Roman Mara Kogoj" befindet sich in äußerst ungewöhnlicher Gesellschaft, denn seit dem Geständnis von Günter Grass gibt es in dem letzten Halbjahr verschiedene Romane, die sich mit der SS Geschichte, mit Massakern und entsprechender Zeitgeschichte befassen. Es sind Autoren unterschiedlichsten Alters, die sich plötzlich solcher Themen annehmen. Der eine oder andere sicher ein "Trittbrettfahrer".
Das trifft jedoch in keiner Weise auf Kevin Vennemann zu. Sein Roman "Mara Kogoj" ist eines der wunderlichsten Bücher, die ich seit sehr langer Zeit gelesen habe. Zweifelsohne ist es ein politischer Roman. Ob es ein Roman ist, da habe ich so meine Zweifel. Literatur ist es auf jeden Fall. Ob es ein Singspiel ist, auch da wieder der eine oder andere Einwand. Es ist jenseits und oberhalb der Literatur angesiedelt, in einem Grenzbereich zwischen Musikalität und gesprochenem und geschriebenen Wort. Der Roman lebt aus dem, was der Dichter beschreibt, aus dem was ihm zu beschreiben am Herzen liegt.
Es geht um die jüngere Geschichte Kärntens, die man geschichtlich seit der Volksabstimmung 1920 zurückverfolgen kann. Damals gab es eine Volksabstimmung, ob die Kärntner bei Österreich bleiben sollten oder ob sie sich den Slowenen anschließen wollten. Diese Entscheidung ging gut aus für das Deutschtum in Kärnten, schlecht aus für das Slowenentum dort. Eine Generation später kamen die braunen Machthaber an die Macht, die Slowenen wurden vertrieben. Seit dieser Zeit ist in dieser Region kein gutes, angenehmes Leben miteinander mehr möglich.
Dann kam es am Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Perschmannhof zu einem spektakulären Mordfall. Dieser Hof war in Kärnten einer der wichtigsten Partisanenstandorte im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Hier ereigneten in den letzten Kriegstagen, am 25. April 1945 eines der fruchtbarsten NS Verbrechen an der Kärntner Zivilbevölkerung. 11 Familienmitglieder wurden von dem SS Polizeiregiment getötet. Es waren keine Partisanen, sondern eine slowenische Bauernfamilie. Den Frauen und Kindern wurde unterstellt, dass sie Partisanen unterstützt hatten. Es waren also keine Partisanen, sondern nicht Uniformierte und die wurden eigentlich von der Wehrmacht und der SS nicht als Kombattanten eingestuft. Diese Tatsache macht die ganze Sache noch bestialischer. Die Häuser wurden in Brand gesetzt, 1946 kam es zu Verhandlungen am zuständigen Landesgericht, diese wurden jedoch 1949 eingestellt.Eine Wiederaufnahme in den 60 er Jahren verlief ebenso erfolglos. Dagegen kam immer wieder die Behauptung auf, die Partisanen selber hätten das Massaker begangen. Das hält sich im Volksmund bis heute. Später wurde der Hof wieder aufgebaut und ein kleines Museum eingerichtet, in dem die Entwicklung des antifaschistischen Widerstandes in Kärnten dokumentiert wird.
Das ist der eine Fall, der Ausgangspunkt des Romans. Der zweite Fall, die zweite Konstellation betrifft den Umstand, dass sich vierzig, fünfzig Jahre später zwei Slowenen daran machen die Geschichte, die Heimatgeschichte, aufzuarbeiten. Tone Lebonja und Mara Kogoj befragen Einwohner nach dem was passiert ist und protokollieren, was Klagenfurter über ihre Heimat und ihren Staat zu sagen haben. Eine der Personen oder Protagonisten, die sie danach fragen, ist ein gewisser Ludwig Pflügler. Er ist Redakteur, Herausgeber der Saat", einer Blut- und Boden Zeitschrift". Wegen pro nationalsozialistischer publizistischer Tätigkeiten ist er vorbestraft worden, weiß jedoch als einer der Zeitzeugen, was in diesem Land passiert ist. Er hat zu diesem mysteriösen Vorfall Ende des Zweiten Weltkriegs eine Meinung, da sein eigener Vater in diese Geschichte involviert war. Er taktiert zunächst, diffamiert die slowenische Minderheit und betrachtet sich als den allein Wissenden. Doch dann nimmt die genervte Mara Kogoj die Fäden in die Hand und beginnt aus ihrer Sicht zu berichten.
Es ist kurz gesagt, ein Buch was den Leser nicht ruhen lässt, teilweise, weil er auf einem allerhöchsten Niveau fürs Verständnis herausgefordert, teilweise weil es Passagen gibt die langweilen weil die Geschichte nicht voran geht.
Das Buch ist in einer Art parabolischen Form gestaltet. Mara Kogoj benutzt einen Bauernhof, sie setzt genau da an und kümmert sich um die Blicke zurück und versucht das "Phänomen" bis hinein in die Gegenwart nach zu zeichnen und zu belegen. Dabei sind die Eckpfeiler auf der einen Seite das Politische auf der anderen Seite das Musikalische. Was das Musikalische betrifft, muss man sagen, dass das Buch sehr schwer zu lesen ist, weil es ein ganz neuer Sprachduktus ist, eine ganz neue Form in der deutschen Literatur. Wenn man still vor sich hin liest, dann hat man Probleme, weil Satzenden und Satzschlüsse selten übereinstimmen. Darüber stolpert man auf den ersten Seiten, später gewöhnt man sich daran. Doch vielleicht wäre es eine gute Idee das hoffentlich demnächst erscheinende Hörbuch zu kaufen.
Auch wenn dieses Buch inhaltlich und stilistisch schwere Kost ist, ein so wunderschönes Buch ist seit Jahren nicht mehr auf dem Büchermarkt erschienen, daher empfehle ich es mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielerlei Gründen.