Farah, Nuruddin, Maps,1992 (SZ-Bibliothek)
Ein für mich etwas befremdliches Buch, das aber immerhin so interessant und intensiv ist, dass mir die Auswahl für die SZ-Reihe verständlich erscheint.
Ort: Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Somalia, genauer: das Gebiet des Ogaden, das Somalia wegen des großen Bevölkerunganteils von Somalis zurückerobert hatte, bis die Russen und Kubaner Äthiopien 1977 halfen und das Gebiet an Äthiopien zurückgaben.
Der Protagonist ist Askar, ein Somali, der von Misra, einem unverheirateten Dienstmädchen, in diesem Gebiet großgezogen wird. Sie hatte, nachdem ihr eigenes Baby gestorben war, Askar bei seiner toten Mutter gefunden und ihn an Mutters Statt angenommen. Sie selbst war weder Äthiopierin noch Somali, was dann ihre Stellung zwischen allen Lagern erklärte.
Askar hat als Kind eine intensive und ausschließliche Bindung an Misra, außerhalb ihrer existiert für ihn gewissermaßen nichts. Misra ist großzügig, geduldig, liebevoll zu dem Jungen, seine Identifikation mit ihr ist so stark, dass er später z.B. einmal meint, selbst menstruiert zu haben. Die Menstruation ist allerdings Misras Problem - dann wird sie übellaunig, so dass der Junge sich an die ältere Karin wendet, die ihrerseits einen alten Ehemann bis zum Tode pflegt.
Misra erhält regelmäßig nächtliche Besuche von Aw-Adan, dem Koranschulenlehrer, und Qorrax, ihrem eitlen Onkel, der eine Schar von Frauen und Nebenfrauen dominiert. Askar hasst Aw-Adan, wie dieser ihn wegen seiner starren Augen und Widerborstigkeit in der Schule hasst, dieser prügelt ihn erbarmungslos, kann den Stolz des Jungen aber nicht brechen. Der entwickelt sich im Übrigen kräftig, entwickelt seine Intelligenz und Fantasie und wird zum Anführer unter den Gleichaltrigen. Etwa mit Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Äthiopien und Somalia wird Askar nach Mogadischu in Somalia zu seinem Onkel Hilaal mit seiner Frau Salaado gebracht. Hilaal ist Dozent für Psychoanalyse und sie Lehrerin, Askar kommt in einen Haushalt mit hohem Lebensstandard, in dem beide Ersatzeltern sich tolerant und aufgeklärt um ihn kümmern, seine Intelligenz und sein moralisches Empfinden schulen. Die beiden haben die konventionellen Geschlechterrollen gewissermaßen getauscht, er kann gut kochen, ist unpraktisch und sie regelt alles Praktische. Im Vergleich zu Misra bleiben H. und S. als Personen relativ blass, sind mehr als ideale Gestalten gezeichnet.
Misra flüchtet sich nach Mogadischu, weil das Gerücht geht, sie solle mehrere Hundert Somali an die Äthiopier verraten haben, die dann in einem Massaker hingerichtet wurden. Für den mittlerweile 17jährigen Askar bedeutet das einen tiefen Bruch mit Misra. Er hat sich inzwischen mit der Sache der Somalis identifiziert und steht Misra, im Gegensatz zu seinen Ersatzeltern, voller Vorurteilen gegenüber. Erst als sie wegen einer Brustamputation ins Krankenhaus muss, scheint er ihren Versicherungen zu glauben, dass sie diesen Verrat nicht begangen hat. Als sie stirbt, ist er in psychosomatischer Sympathie ebenfalls erkrankt. Schluss: Die Polizei fragt nach Askar, möchte seine Zeugenaussage über Misra, dies ist für Askar der Anfang der Erzählung, die er mit dem Buch vorgelegt hat, der Anfang also des Nachdenkens über seine Identität.
Der Titel: Maps - Landkarten - bezieht sich zum einen wohl auf die Bedeutung der nationalen Zugehörigkeit für die eigene Identität. Zum anderen ist es so, dass Askar in einem der ersten Akte intellektueller Emanzipation lernt, Landkarten zu lesen und zu zeichnen, d.h. also, der Titel weist hin auf die intellektuelle Expansion. Zum Dritten ist es so, dass Askar im Zusammenhang mit Landkarten über Wahrheit und Identität sinniert: Welche Wahrheit zählt, die geografisch fixierte oder die eingebildete?
Stil: Auffällig und mich nicht besonders überzeugend ist der häufige Gebrauch der 2.Person Singular, d.h. also das Gespräch des Protagonisten mit sich selbst, was abwechselt mit Kapiteln in der 1. und 3.Person Singular. Ich kann mir vorstellen, dass dieser auffällige Wechsel immer wieder einen neuen Zugriff ermöglichte - am Schluss schreibt er, dass er die Rolle des Richters, des Zuhörers und des Zeugen" übernehmen wollte (362), vielleicht gibt es hier einen Zusammenhang. Im Übrigen ist m.E. die Kindheit Askars mit ihren Traumata besonders eindringlich gestaltet - in einer Weise, die manchmal an Grass' Blechtrommel" erinnert, verwendet der Erzähler einen erwachsen räsonnierenden, teils schildernden, teils metaphorischen und visionären Stil, indem er das Material immer wieder neu aufgreift und variiert. Der zweite Teil ist aus meiner Sicht schwächer, indem die Zeit des Heranwachsens ganz im Zeichen der behüteten Erziehung von Hilaal und Salaado steht. Oft erinnert mich der Stil in diesem Zusammenhang an ein Jugendbuch, in dem mit ungebrochener Begeisterung und Naivität die Ereignisse, auch die politische Situation, geschildert werden. Seine Identifikation mit der Sache der Somalis ist vollkommen, lediglich Hilaal steuert in Gesprächen auf eine kritischere Sichtweise zu. Die drei verhalten sich idealtypisch, ihre Harmonie ist vollständig mit Askar als jugendlichem Helden und Musterknaben im Mittelpunkt. Ein Beispiel: Nach Misras Tod sehen wir die drei: Für eine Weile war keinem danach zu sprechen. Dann entschuldigten sich Salaado und Hilaal überschwänglich bei Askar. Alle drei nahmen sie sich bei den Händen und umarmten sich, umschlangen gegenseitig ihre Körper, verwickelten sich in ihre Kleider, kämpften fast und rangen um Atem wie eine Menschenmenge, über der eine Zeltplane zusammengebrochen ist" (356). Askar erinnert mich ein wenig an das Vorzeigeexemplar einer gelungenen Erziehung im gehobenen Mittelstand. Zu wenig kritisch wird m.E. auch sein abgekühltes Verhältnis zu Misra dargestellt - es ist doch merkwürdig, dass er ihr vonvornherein misstraut und den Verrat zumutet und Misra muss gewissermaßen ihre Unschuld beweisen, während er als Richter vor ihr steht, ohne dass der Gedanke von seinem Verrat oder seiner Schuld ihr gegenüber eine bedeutende Rolle spielte. Die Gespräche mit den gebildeten Eltern werden mit einigem Prunk inszeniert, oft geht es dabei aber um wenig hinreißende Themen oder Einsichten. Es ist ein bisschen so, als würde ein Mensch, der in den Wohlstand und ins Denken initiiert wird, diesen Prozess mit allem Behagen nachvollziehen und seine Prinzenrolle mit großem Genuss ausbreiten.
Farah reklamiert für sich eine Leib-Literatur" (vgl. S. 326), wobei er sich u.a. auf Romanciers wie Günter Grass beruft. Dabei scheint er stark von der Psychoanalyse (die Gedanken werden meist Hilaal in den Mund gelegt) beeinflusst zu sein, so dass dies alles recht aufwändig und aufgesetzt klingt. Häufig werden Träume erzählt, die m.E. nicht besonders zwingend wirken. Insgesamt identifiziert sich Farah sehr stark mit feministischem Gedankengut - vermutlich wegen seiner totalen Identifizierung mit Misra und mit den Ersatzeltern, die den Rollentausch in ihrer Ehe praktizierten. Von daher auch die oft sehr emotionale Darstellungsweise, die ein wenig an feministische Verständigungstexte erinnert.