Ich hatte mir unter dem Film so etwas ähnliches vorgestellt wie "Die Geisha", nur dass hier anstelle von Fächertanz Ballet im Mittelpunkt stehen und die Person, um die es sich dreht, männlich anstatt weiblich sein würde.
So einige Parallelen konnte man dann tatsächlich finden: es geht um die Entdeckung eines zunächst verhinderten Talentes und die Opfer, die man für den Erfolg bringen muss. Doch damit enden die Ähnlichkeiten auch schon. "Maos letzter Tänzer" (ich habe mir den Film übrigens im englischen Original angesehen, wie ich es immer tue, weil ich keine Synchronationen mag) ist kein auf dramaturgische Optik aufgebauter Bilderreigen, wie es einer Autobiografie wohl auch kaum angemessen gewesen wäre.
Stattdessen bekommt man eine äußerst einfühlsame Lebensgeschichte präsentiert, die auch jenen gefallen dürfte, die sich - wie ich - nicht für Ballet interessieren. Regisseur Bruce Beresford hat offensichtlich ein Händchen dafür, gefühlvolle Aussagen mit Tiefsinn auf die Leinwand zu bannen. Romantiker kommen dabei ebenso auf ihre Kosten wie Realisten.
Zugleich erschütternd und faszinierend ist es mitzuerleben, wie ein kleiner Junge aus einem einsamen Bergdorf ins große Beijing gebracht wird, um Tänzer zu werden. Freiwillig hat er sich diesen Weg nicht ausgesucht, so etwas gab es nicht im kommunistischen China, und dem ersten Stolz darüber, ausgewählt worden zu sein, folgen Jahre des Kummers: das Leben an der Tanzakademie ist hart, freudlos und einsam. Lis Leben nimmt erst eine entscheidende Wende, als er als junger Mann auserwählt wird, für drei Monate in die USA zu gehen, um dort seine Fähigkeiten auszuformen.
Sein Talent blüht auf, und er wird zum Senkrechtstarter, beflügelt auch durch die neu entdeckte Liebe zu einer süßen jungen Tanzkollegin. Als die Zeit bei seinem neuen Mentor, dem berühmten Choreographen Ben Stevensen, abläuft, möchte er nicht zurück nach China. Er kämpft darum, bleiben zu dürfen, und muss sich schließlich einer neuen Herausforderung stellen: der Erkenntnis, dass Freiheit ihren Preis hat, dass er im Westen zwar seine eigenen Entscheidungen treffen darf, aber auch für sein Handeln verantwortlich ist. Während er lernt, was es heißt, trotz ausgerissener Wurzeln seinen eigenen Weg zu finden, ist seine Karriere nicht mehr aufzuhalten, aber der höchste Lohn wartet erst mühselige Jahre später auf ihn ...
Die Darsteller überzeugten mich auf ganzer Linie. Bruce Greenwood, jüngst bekannt als Star Treks Captain Pike, besticht auf überraschend ungewohnte Weise als kapriziöser Tanzmeister, Joan Chen rührt einen als stolze Mutter im fernen China. Chi Cao (in Birmingham als der "Chinesische Balettprinz" bekannt) ist kein Schauspieler, das merkt man, aber gerade darum ist er die perfekte Besetzung für Li Cunxin, weil er gut die überwältigte, etwas verwirrte Verlorenheit verkörpert, die seine Figur empfunden haben muss. Auch die Schauplätze bieten viel fürs Auge.
Der Film rückt dabei nicht Musik und Tanz in den Mittelpunkt. Obwohl man einen fesselnden Einblick in den Trainingsalltag der Tänzer erhält und natürlich einige spektakuläre Bühnenauftritte geboten bekommt, dominieren diese Elemente nicht unbedingt die Handlung. Im Vordergrund stehen innere und zwischenmenschliche Konflikte und der Kontrast zwischen den Kulturen. Betroffen hinterließen sie mich, die irrwitzig traurigen Zustände im kommunistischen China im Vergleich zum feschen Amerika der 80er. Am Anfang ist es ein wenig gewöhnungsbedürtig, wie oft Rückblenden eingeschoben werden, fast, als wollte man dem Zuschauer den Unterschied mit etwas zu viel Nachdruck vor Augen halten - aber zugegeben, der Effekt bleibt nicht aus und hinterlässt nachhaltige Eindrücke. Melodramatische Tränendrüseneffekte und unsensible Klischees vermisst man dabei auf wohltuende Weise, stattdessen ist es trotz mancher Tragik gar erlaubt zu lachen.
Da fragt man sich nur eins: Warum ist dieser zugleich wunderschöne und zum Nachdenken anregende Film, der eigentlich jede Menge Preise verdient hätte, nicht in den deutschen Kinos gelaufen? Nun, traurigerweise hat diese australische Produktion in Amerika nicht viel Aufmerksamkeit erhalten, das jedoch nicht wegen mangelnder Qualität, sondern weil nicht genug Werbung für ihn gemacht wurde - eine wahre Schande. Müßig zu erwähnen, dass er in den PR-abhängigen USA auf wenig Interesse gestoßen ist und daher bei uns gar nicht erst ins Programm aufgenommen wurde. Die geringe Popularität des Films hat also nichts damit zu tun, dass er niemandem gefallen hätte, sondern damit, dass bei der internationalen Vermarktung geschlampt wurde.
Davon sollte man sich natürlich nicht hindern lassen.
"Maos letzer Tänzer" ist ein kleines Meisterwerk und gehobene beste Unterhaltung für die meisten Geschmäcker mit Inhalt und Tiefe. Er ist für mich zu einem absoluten Lieblingsmovie geworden.
Ich kann nur empfehlen: unbedingt ansehen, sonst verpasst man etwas!
(P.S.: Mittlerweile habe ich auch das Buch gelesen und finde, dass es phantastisch umgesetzt wurde - auch wenn der Film nicht ganz parallel dazu läuft, sondern mal stark gerafft ist, an anderen Stellen indessen wie eine Ergänzung wirkt. Autobiographische Verfilmungen sind immer eine schwierige Sache, und das Ziel, den Grundton zu treffen, die Aussage zu erhalten und zugleich einen mitreißenden Kinofilm zu schaffen, ist Beresford und seinen Darstellern ganz wundervoll gelungen.)