Das Buch beginnt mit der fantastischen Schilderung einer Massenhochzeit der Moon-Sekte im Yankee Stadium in New York und endet in einem grotesken Bild, einem Blick vom Balkon auf eine Strasse im vom Bürgerkrieg zerfurchten Beirut des Jahres 1989, wo eine feiernde Hochzeitsgesellschaft, von einem Panzer eskortiert, durch die Trümmer taumelt.
1989, das „kurze 20.Jahrhundert" (Hobsbawn) endet mit Getöse: in Peking auf dem Tienanmen wird der Studentenprotest nieder gewalzt, Ayatollah Khomeini stirbt. Die Fernsehbilder dieser Ereignisse flackern gewissermassen als Hintergrundbeleuchtung durch den Plot. Später wird dann -ausserhalb dieser Geschichte- die Berliner Mauer fallen. Am Ende ist auch der ebenso berühmte wie geheimnisumwölkte Autor, Bill Gray, dessen real existierendes Leben an einem unbekannten Ort, weit ab, von einem jungen Paar verwaltet wird. Er, Scott, ist ständig damit beschäftigt, Ordnung und Disziplin in sein eigenes und Bill's versifftes Leben zu bringen. Sie, Karen, ehemals Teilnehmerin an der Massenhochzeit, nun der Moon-Sekte entwunden, wurde von Scott aufgegriffen, in des Dichters Haus gebracht, wo sie nicht zuletzt ein wenig für dessen unterleibliches Wohl sorgt. Die schwedische Fotografin Brita, spezialisiert auf Schrifstellerporträts, dringt mit Hilfe Scotts in diese eigentümliche Idylle ein, tut ihren Job und scheint Bill aus dessen Lethargie zu wecken. Bill, ein von Pillen und anderen Lastern verseuchtes Wrack schreibt seit vielen Jahren an einem Buch, die Geburt will nicht gelingen, sein Verleger drängt, lockt ihn nach New York, später nach London, wo er kraft seines mythischen Ansehens in der Literatenszene an der Befreiung einer sich in Beirut in den Fängen einer maoistischen Gruppierung gehaltenen Geisel, einem jungen Westschweizer Poeten, mitwirken soll.
Mao (Der Grosse Vorsitzende sagt: Die Massen sind der Gott), einst Gott der Rote Fibeln schwenkenden Massen, von Andy Warhol ironisierend in ein konsumierbares, weil vervielfältigbares Massenprodukt verwandelt, in dem er ihm verschieden eingefärbte aber identische Gesichter lieh, als ob hinter jedem Gesicht ein verstecktes Idividuum lauerte. Jedem sein Mao. Mao, genau wie heute Ché, sind zu verramschbaren Marken verkommen. Die Masse trägt Markenprodukte, „Nike" ist schon Programm genug. Ob der Busen durch Ché oder den Haken verziert ist hat keine Bedeutung.
DeLillo betritt zuweilen die philosophische Metaebene, lässt eine Figur aus der Masse heraus treten (Karen aus der Moon Sekte) und Bill, der Zurückgezogene, wird, indem er sich fotografieren lässt, zum Massenprodukt, zum Mythos, wie einst der ebenfalls fotografierte Mao, im Yangtse schwimmend. Damit entlässt Bill sich selber aus dem Leben; sein Buch wird nicht mehr benötigt. Auch Scott braucht Bill nicht mehr, der Mythos hat den Dichter ersetzt. Brita liefert das bildnerische Rohmaterial für die Ikonisierung, Scott steuert Warhols Mao als Zeitgeist-Tableau zur Dekodierung der Welt bei und Khomeini mag noch immer nicht von den Mauern lächeln.
Essayistische Intarsien über die Twin Towers oder Terrorismus lassen schemenhaft „11-09" als Chiffre der Zukunft am Horizont erscheinen. Lächelt Khomeini etwa doch ?
DeLillos Buch ist schillernd und lässt viele Lesarten zu. Nach furiosem Beginn wird es etwas zähflüssig, die Dialoge sind etwas verquast, die Figuren zu flach, Spielmaterial, - naturgemäss bildet Bill die Ausnahme- doch im zweiten Teil nimmt die Geschichte Fahrt auf und lässt den Leser fast etwas atemlos zurück. In DeLillos semiotischem Dekor kann sich der Leser verlieren, oder eine neue Welt entdecken.