Kaum hat sein Urlaub begonnen, da wird Martin Beck nach Stockholm zurückbeordert, in delikater Mission, wie man im Außenministerium sagt: Der schwedische Journalist Alf Matsson, der sich auf Reportagen aus den Warschauer-Pakt-Staaten spezialisiert hat, scheint spurlos in Ungarn verschwunden. Im Jahre 1966 ist das eine knifflige Sache, die diplomatischen Aufruhr verursachen kann; schließlich sind die Erinnerungen an das Verschwinden des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg 1945 in Budapest noch wach. Matssons Boulevard-Zeitung wartet nur darauf, den Skandal zu veröffentlichen, und das will die schwedische Regierung natürlich vermeiden. Dieser Matsson muss also schleunigst wiedergefunden werden.
Martin Beck wird also zur absoluten Geheimhaltung verdonnert und nach Budapest geschickt, um die Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Nach einigen ereignisreichen Tagen und Nächten in bekannte und weniger bekannte Budapester Winkel fördern Beck und sein Budapester Kollege Szluka (so genau nimmt Beck das mit der Geheimhaltung nicht) allerhand zutage, das sie sich nicht hätten träumen lassen; auch die ungarische Polizei ist nun sehr daran interessiert, Matsson zu fassen. Aber keine Spur von ihm in Budapest -- kein Wunder! Man hat nämlich vor lauter Bäumen den Wald nicht erkannt...
"Der Mann, der sich in Luft auflöste" ist der zweite Band der insgesamt zehnbändigen Krimiserie um Martin Beck, und meiner Meinung nach einer der besten. Im Gegensatz zu den späteren Bänden steht hier zwar noch eine weitgehend konventionelle Krimihandlung im Vordergrund; deutlich gesellschaftskritische Momente sind relativ selten, aber unübersehbar. Man liest eine intelligente, genau durchdachte Geschichte in stimmiger Atmosphäre und mit überraschendem, aber völlig plausiblem Schluss.
Und doch ist "Der Mann, der sich in Luft auflöste" mehr als ein konventioneller Krimi. Man erkennt bereits eines der charakteristischen Elemente, die den Reiz der Martin-Beck-Serie ausmachen: Die Hauptpersonen sind keine unfehlbaren Masterminds, und -- 1966 ein absolutes Novum -- sie haben ein Privatleben! Ihre Vorlieben und Abneigungen gehen weit über die Marotten der bis dato bekannten Detektive hinaus, und vor allem: Die Handlung wird von ihnen mitgeprägt. Was wären die Krimis von Maj Sjöwall und Per Wahlöö beispielsweise ohne Fredrik Melander, das "lebende Lochkartenregister"! (gestandenen Lesern besser bekannt als "unsre lebende Verbrecherkartei") Diese Charakterköpfe mit Fehl und Tadel sowie die stilsichere Einbettung des genius loci in die Krimihandlung sind ganz einfach gelungen; gewisse Krimi-AdeptInnen möchten sich bitte eine dicke Scheibe davon abschneiden: Schlechtere Autoren hätten der Versuchung nachgegeben, eine Art erzählenden Budapest-Reiseführer mit viel Kulturschwafelei und ein paar lieblosen Krimi-Beilagen zu servieren. Aber bei "Der Mann, der sich in Luft auflöste" trifft man nirgends auf diese literarische Unart. Ohne das Budapest von 1966 wäre der Plot nämlich schlicht unmöglich, und obwohl man zusammen mit Martin Beck ausgiebig durch die Stadt streift, bleibt doch der Krimi die Hauptsache.
Hedwig Binders Neuübersetzung liest sich flüssiger als die altbekannte und mitunter stilblütenumrankte (in der drohte bereits der zweite Satz mit einer Art syntaktischem Eisernem Vorhang und hatte zahlreiche Nachfolger), und wo die alte Ausgabe sich wacker durch ihren eigenen Nebensatzdschungel den Weg bahnen musste, wirkt die Neufassung beinahe durchweg stilistisch sauber. Freilich ist die Übersetzung nicht perfekt (gibt es so etwas überhaupt?), hinterlässt aber insgesamt einen soliden Eindruck.
Den Lesern wurde noch eine weitere kleine Aufmerksamkeit spendiert, nämlich ein Vorwort von einem Autoren-Duo der Gegenwart: Anders Roslund und Börge Hellström bekennen sich pflichtschuldigst zu den "Paten" des Schweden-Krimis.
Sollte also die liebgewordene alte Ausgabe allmählich auseinanderfallen, so lohnt es sich, sie durch diese neue Übersetzung zu ersetzen. Und Neulinge in Sachen Martin Beck sollten gleich zu dieser Übersetzung greifen.
Jetzt fragt man sich natürlich, wieso ein Krimi von 1966 nicht nur neu aufgelegt wurde, sondern sogar neu übersetzt. Die Antwort ist einfach: Die zehnbändige Krimiserie über Kommissar Martin Beck und seine Charakterkopf-Kollegen ist trotz oder auch gerade wegen ihrer Kritik und Bestandsaufnahme der schwedischen Gesellschaft mittlerweile ein Klassiker des Genres.
Im Gegensatz zu ihren vielen mehr oder minder befähigten Epigonen ist es Sjöwall und Wahlöö nämlich gelungen, ihre Figuren nicht nur farbig zu charakterisieren und ihnen Leben einzuhauchen, und die Atmosphäre stimmig wiederzugeben. Hier stimmt vor allem auch der Aufbau der Handlung.
Langeweile hat hier keine Chance: Dieser Krimi ist straff erzählt, driftet niemals in ermüdende Geschwätzigkeit ab, und erlaubt tiefe Einblicke ins Dasein der Figuren, ob nun Ermittler, Täter oder Opfer -- mal tragisch, mal komisch.
"Der Mann, der sich in Luft auflöste" war vor vielen Jahren der erste Sjöwall/Wahlöö-Krimi, den ich zu lesen bekam. Kein Wunder, dass er nicht der einzige blieb...