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von Oliver Sacks
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Die blinde Frau, die sehen kann: Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran |
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Es gebe Bücher, in denen »verwandelt sich Wissenschaft in Poesie«, hat Oliver Sacks über ein Werk des von ihm schon früh bewunderten, ja als Idol verehrten russischen Psychologen und Hirnforschers Alexander Lurija (19021977) geschrieben. Dieses Lob trifft ganz sicher auch auf die meisten Bücher des 1933 geborenen, aus Großbritannien stammenden und in den USA praktizierenden Neurologen und Psychiaters Sacks selber zu. Von den schrecklichen, erschütternden, manchmal auch zum Lachen Anlass gebenden Leiden seiner Patienten erzählt dieser Autor auf bezaubernde Art, mit einem schönen Sinn für klaren Ausdruck, mit einer geradlinigen Menschlichkeit und in einem bei aller Nüchternheit wärmenden Ton.
In der im amerikanischen Original im Jahr 1985 erschienenen Fallsammlung »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« berichtet Sacks beispielsweise von einem Patienten, der sich in grotesker Schieflage voranbewegt und dabei so ähnlich aussieht wie ein Matrose auf Landgang beim Vorspielen seiner Seefahrerabenteuer bei Windstärke zwölf; von einer Frau, die im Alter von beinahe neunzig Jahren plötzlich unverhofften Appetit auf junge Männer entwickelt und ahnt, dass dies zusammenhängt mit einer Syphiliserkrankung in jungen Jahren; von einem Musikprofessor, der versucht, Parkuhren fürsorglich zu tätscheln, weil er sie für Kinder hält, und von den am so genannten Tourette-Syndrom gezeichneten Menschen, die überraschend fluchen, ohne äußeren Anlass herumschreien oder mit den Augen zwinkern oder sonst von einem Tic gequält werden.
Die Schilderungen aus der neurologischen Praxis, die Sacks da versammelt, üben einen seltsamen Reiz aus. Sie lassen den Leser gruseln über die oft bizarren Folgen einer Verletzung oder Erkrankung des menschlichen Gehirns und des Nervensystems, und sie geben ihm Einsicht in eine bis heute nur unzulänglich erforschte, verwirrende und aufregende Welt. Die Faszination dieser Fallgeschichten erklärt sich also nicht allein durch den wohligen Schauer, den fast jede Krankenstory bei vielen sich gesund wähnenden Zuhörern oder Lesern erzeugt sie hat damit zu tun, dass der Autor Sacks seine Leser mitnimmt auf die Expedition in ein erst allmählich erkundetes, bis in die Gegenwart nur höchst unzureichend kartografiertes Land.
Als Sacks sein Buch schrieb, konnte er nicht wissen, dass die Erforschung des menschlichen Gehirns sich in den folgenden Jahren zu einem Mode- und Schlüsselbereich der modernen Wissenschaft entwickeln würde. Er selber nennt seine Patienten in »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« einmal »Reisende, unterwegs in unvorstellbare Länder Länder, von deren Existenz wir sonst nichts wüßten«. Ganz sicher hat die Hirnforschung in den beiden Jahrzehnten, die seit dem Erscheinen von Sacks Buch vergangen sind, ungeheure Fortschritte gemacht. Fortschritte, die manche Propheten der Zunft, darunter den in Frankfurt forschenden Neurobiologen Wolf Singer und seinen in Bremen tätigen Kollegen Gerhard Roth, öffentlich in Frage stellen ließen, ob so etwas wie der menschliche Wille überhaupt existiere; die Folge war ein Disput mit Philosophen, Juristen und anderen Hirnforschern, der bis heute anhält.
Erzählt Sacks also Geschichten aus einer Zeit der heiteren, poetischen Ahnungslosigkeit? Die Londoner Zeitung »The Times« nannte ihn schon bei Erscheinen seines berühmtesten Buches einen begnadeten Märchenerzähler, eine »Scheherazade der Neurologie«. Tatsächlich: Über ein paar der in »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« beschriebenen Defekte und »Überschüsse«, wie Sacks sie nennt, wissen Neurologen und Psychologen zwei Jahrzehnte später einiges mehr. Und doch sollte man insgesamt die Geschwindigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts nicht überschätzen. Meist ergänzt das neue Wissen nur das alte. Sacks gibt dafür in seinem Buch etwa das schöne Beispiel der menschlichen Eigenwahrnehmung. Deren Mechanismen und Steuerfunktionen »bergen noch immer viele Geheimnisse«, schreibt Sacks, dabei habe die Wissenschaft im Grundsatz seit den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kapiert: »Wir haben fünf Sinne, die wir leicht identifizieren können und auf die wir uns mit einem gewissen Stolz verlassen. Auf sie gründet sich unser Verständnis der sinnlich faßbaren Welt. Aber es gibt noch andere Sinne verborgene Sinne, sechste Sinne , die ebenso lebenswichtig, aber praktisch unbekannt sind.«
Natürlich ist es möglich, dass schon in wenigen Jahren ganz neue Erkenntnisse über das Funktionieren und die Krankheiten des Gehirns vorliegen und dass jüngere Bewohner unserer Welt dann ihre Vorfahren ein bisschen dafür verachten, wie gebannt und verwirrt und glotzäugig sie die Fallgeschichten des Doktor Sacks bestaunten als kleine Wunder, zu denen die Natur offenbar fähig ist, als lauter Berichte von heiligen Narren. Es ist aber auch möglich, dass der Respekt und das Staunen vor der komplizierten und raffinierten Konstruktion des menschlichen Gehirns sogar noch ein bisschen anwachsen angesichts neuer Forschungsergebnisse.
Der virtuose und gelehrte Erzähler Sacks jedenfalls, der Nietzsche ebenso gern zitiert wie Goethe, wurde mit dem Buch »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« endgültig zu einem berühmten Mann. Er durfte beim Hollywood-Welterfolg »Rain Man« als Berater mitwirken, damit Dustin Hoffman möglichst wirklichkeitsgetreu die diversen komischen und erschütternden Defekte eines autistischen Mannes nachahmen konnte. Schon zuvor hatte er die Vorlage für den Film »Zeit des Erwachens« geschrieben, die davon berichtet, wie die Opfer einer bestimmten Gehirnerkrankung jahrzehntelang in Lethargie verharrten und dann von Sacks und seinen Kollegen durch ein neues Medikament für kurze Zeit aus ihrem Dämmerschlaf geweckt wurden; der Autor Sacks wurde im Film von Robin Williams dargestellt.
Der Komponist Michael Nyman hat 1986 eine Oper aus dem Stoff seiner Fallstudien gemacht, der große britische Theatermacher Peter Brook benutzte einige der Patientengeschichten für sei¬ne schlichte, ergreifende, auch ein bisschen kitschige Bühnenadaption unter dem Titel »Lhomme qui«, die 1993 in Paris Premiere hatte und danach auf Gastspielreise durch die halbe Welt ging. Brook ließ seine Schauspieler die Tics, Verwirrtheiten, Gefühlsausbrüche der Sacks-Patienten nachspielen. Sie taten es diskret, auf die Vermeidung jeder Darsteller-Eitelkeit sichtlich erpicht, in einem Bühnenbild, das gleichfalls so dezent wie möglich sein sollte. Trotzdem stellte sich ein Vorführeffekt ein, den der Autor Sacks auf bewundernswerte Weise vermeidet.
Man darf sich Oliver Sacks selber übrigens als ziemlich sonderlichen Menschen vorstellen. Er ist bekannt dafür, dass er sich vorzugsweise in Räumen aufhält, in denen eine Temperatur von 14 Grad Celsius herrscht. Er ist berüchtigt für ein freundlich exzentrisches Auftreten und für eine fast sagenhafte und Ehrfurcht gebietende Neugier auch auf eher abseitige Dinge. Eine seiner Nebenleidenschaften gilt Farnen. In seinem kuriosen Buch »Die feine New Yorker Farngesellschaft« zum Beispiel schrieb Sacks im Jahr 2002, was ihn an einigen großen Naturforschern der Geschichte, zu denen er unter anderem Alexander von Humboldt zählt, so fasziniere. »Sie alle waren in einem gewissen Sinne Amateure Autodidakten, die aus eigenem Antrieb handelten und sie lebten, so schien es mir manchmal, in einer glücklichen Welt, in einer Art Paradies, das noch nicht von den geradezu mörderischen Rivalitäten einer zunehmend professionalisierten Welt infiziert und erschüttert war.«
Der Leser von »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« ahnt, dass der Hirn- und Nervenkundler Oliver Sacks in diesem Sinne bis heute ein Amateur geblieben ist. Angetrieben (wie er es Humboldt und Konsorten unterstellt) nicht »von Egoismus und dem Verlangen nach Ruhm und Prestige, sondern vielmehr von Abenteuerlust und Staunen« so berichtet Sacks aus einer glücklichen Welt, einer Art Paradies.
Nachwort von Wolfgang Höbel zu Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. SPIEGEL-Edition Band 12 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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