Was bewegt einen Jungen von 10 Jahren, sich fortzuwünschen aus seiner Familie - hin auf eins dieser merkwürdigen US-Internate, die ihre Schützlinge zu diesen so gut nationalistisch-militärischen Staatsbürgern erziehen? Ist es eine hübsch verpackte Giftschleuder in Gestalt einer älteren Schwester? Ist es die (ein-)gebildete Mutter, die mit Universitätsprofessoren parliert und sich im Verlauf der Geschichte von ihrem Sohn sagen lassen muß: Du hast ja keine Ahnung.
Ist es der bekannte und genügend vorgeführte amerikanische Kleinstadtmief?
Jedenfalls: Am Anfang steht die Erkenntnis des Jungen: Ich bin der Depp der Familie, und sie tun alles, daß es so bleibt.
Damit beginnt die eigentliche Geschichte, brilliant inszeniert, hochdiszipliniert und mit psychologischen Tiefgang umgesetzt.
Die Suche nach dem Ausweg; Das Nichtabfinden mit der scheinbaren Ausweglosigkeit; der Ausbruch; die Selbstüberwindung.
Suchet , so werdet Ihr finden. Wie so oft in amerikanischen Stoffen ist es der Außenseiter, der einsame Held, der Outlaw, der den Schlüssel zur Lösung bringt. Hier aber mal sehr glaubhaft und lebensecht verkörpert durch Mel Gibson.
All diese Zutaten heben diesen Film weit über übliches Hollywood-Niveau hinaus, vergleichbar vielleicht mit "Kramer gegen Kramer" oder ET, soweite es den Aufbau der Beziehung zweier Menschen betrifft. Der Film erzählt, aber er wertet sehr wenig, und das tut ihm gut. Der Zuschauer bekommt die Moral weder auf dem Tablett serviert noch dreimal erklärt. Und er kommt ohne diese frustrierenden oberflächlich aufgesetzte Effekte aus, hier genügen ganz normale Kulissen. Das macht glaubhaft.
Eine kleine Szene gibt es, da läuft es jedem, der die Maschinerie der Jugendämter und Familiengerichte kennt, kalt den Rücken runter: Da sitzen sie, die Monster, gutbürgerlich verpackt und hinter der makellosen, verantwortungsvoll und beinahe menschenfreundlich wirkenden Fassade eiskalt, machtbewußt, gnadenlos, und spielen in zynischer Arroganz die Richter und Verwalter menschlicher Werte, und unter ihren Sprüchen zerfällt eine Welt zu Staub und Asche. Angefangen mit den hysterische-denunzierenden ganz normalen Mitbürgern, beim Dorfsherrif und aufgehört beim Jugendrichter - diese Industrie arbeitet effektiv und umfassend und produziert auch hierzulande täglich Verzweiflung, Halbwaisen, Sozialfälle und künftige Amokläufer, Alkoholiker und Drogenwracks.
Man mag darüber streiten, ob das Ende des Films tatsächlich ein happy end ist, für mitteleuropäische Begriffe ist der amerikanische Zielbegriff eines bravenjungen Staatsbürgers schwer nachvollziehbar. Aber das ist ein anderes Thema.
Zumindest wurde die Schallmauer durchbrochen und der Ausbruch endet nicht in der Katastrophe.
Thanks the lord, daß Amerika tatsächlich noch solche Filme hervorbringt, auch wenn es nur einer von hundert ist. Den aber, diesen einen unter all den Kommerz-Opfern, den sollte man sich ansehen.