(Vorsicht, starke Spoiler!)
Nachdem man sich Delmer Daves' Western "Jubal" aus dem Jahre 1956 angesehen hat, wird man unter Umständen zu dem gleichen Urteil kommen, das ein Cowboy seinem Kollegen zuraunt beim Anblick des widerwärtigen Pinky (Rod Steiger), der seine Intrige gegen Jubal (Glenn Ford), den Helden des Filmes, spinnt. Die Welt, die uns Daves in diesem dramatischen Film, zeigt, ist eine Welt unerwiderter Liebe, enttäuschter Hoffnungen, übler Intrigen und nackter Gewalt - aber auch der unzerbrechlichen Freundschaft, des Mutes und des Mitgefühls.
Wie ein anderer, ebenfalls sehr dem Western zugeneigter Rezensent schon bemerkt hat, wird "Jubal" oft als eine Art "Othello" im Westerngewand angesehen, auch wenn es doch beträchtliche Unterschiede zwischen den betreffenden Plots gibt. Ich fühlte mich während des Schauens an vielen Stellen eher an die Sage von König Ödipus erinnert. Auch wenn ich mir bewußt bin, daß dieser Vergleich an zahlreichen Stellen eher Unterschiede hervorbringen wird, so ist dem Film insgesamt - trotz seines glücklichen Endes - eine Auswegslosigkeit zu eigen, die mir diese griechische Sage ins Gedächtnis ruft.
Zu Beginn des Filmes wird Jubal, ein zielloser Drifter, von dem Rancher Shep Horgan (Ernest Borgnine) aufgelesen. Shep ist ein herzensguter, dabei mitunter aber sehr grobschlächtiger Mann, und da er sofort einen Narren an Jubal frißt, bietet er ihm eine Stelle auf seiner Ranch an - sehr zum Mißfallen des Cowboys Pinky, der von Anfang an eine Abneigung gegen Jubal hegt. Als dann auch noch Mrs. Horgan (Valerie French), die ihren Ehemann verachtet und ein Verhältnis mit Pinky unterhält, ganz augenscheinlich den Neuankömmling zur Zielscheibe ihrer Gelüste macht und als Shep Jubal wegen seiner guten Arbeit schließlich zum Vorarbeiter ernennt, platzt Pinky der Kragen. Durch hinterlistige Andeutungen sät er einen schlimmen Verdacht in Sheps Einbildung, nämlich daß Jubal ihm Hörner aufsetzt. Getrieben von ihrer boshaften Verachtung für ihren Ehemann, bestätigt Mrs. Horgan die von Pinky verbreiteten Lügen und treibt ihren Ehemann und Jubal in eine tödliche Konfrontation.
Interessant an diesem Western ist vor allem der innere Konflikt der Hauptfigur Jubal, die unter einem Kindheitstrauma leidet: Als Kind nämlich stürzte er in einen Fluß und wurde von seinem Vater gerettet, während seine Mutter, die ihm keinerlei Liebe entgegenbrachte, nur tatenlos zusah. Unglücklicherweise wurde der Vater bei der Rettungsaktion von einer Schiffsschraube erfaßt und getötet, so daß seine Mutter Jubal für den Tod ihres Ehemannes verantwortlich machte und sich sogar wünschte, der Sohn wäre anstelle des Ehemannes gestorben. Getrieben von dem Gedanken, am Tode des einzigen Menschen, der ihn liebte, schuldig zu sein, durchstreift Jubal von diesem Tage an das Land. Erst in dem naiv-polternden Shep findet er jemanden, der ihm eine neue Heimat verschafft, und so ist es denn kein Wunder, daß sich Jubal recht bald durch den Rancher an seinen Vater erinnert fühlt. Umso tragischer ist es, daß durch die Intrigen eines übelwollenden Neiders und die Lügen einer lüsternen, unzufriedenen Ehefrau, deren Avancen Jubal - wie alle Arbeiter außer Pinky - vor allem deshalb aus dem Wege ging, weil Shep, wie ein Cowboy sagt, so ein netter Kerl ist, eine Situation geschaffen wird, in der Jubal letzten Endes erneut nur überleben kann, indem die Vaterfigur ihr Leben verliert. Die Schicksalhaftigkeit, mit der, vorbereitet durch die Intrigen Pinkys und Mrs. Horgans, der Held zum zweiten Male zum "Vatermörder" wird, hat durchaus eine Parallele zum Ödipusmythos, wenngleich natürlich die inzestuöse Beziehung zwischen Ödipus und Iokaste in "Jubal" keine Entsprechung findet. Überhaupt fällt Daves' Western "Jubal" durch eine gewisse Homosozialität auf, bedeutet die Suche nach der Vaterfigur dem Helden doch ausgesprochen viel. Davon abgesehen ist auch Reb (Charles Bronson), ein Drifter wie Jubal und der einzige echte Freund des Protagonisten, männlichen Geschlechts. Die holde Weiblichkeit hingegen kommt in "Jubal" eher schlecht weg: Da ist zum einen Jubals Mutter, die freilich nur in den Erzählungen des Helden auftaucht und sich hier als eine gefühlskalte, quasi unnatürlich lieblose Mutter darstellt, wobei möglichen Gründen für diese Haltung nicht weiter nachgespürt wird. Mrs. Horgan ist ebenfalls wenig sympathisch: Sie hat den viele Jahre älteren Shep nur geheiratet, um den Zwängen ihrer bescheidenen Herkunft zu entfliehen, doch mußte sie feststellen, daß nicht das Leben einer Grande dame auf sie wartete, sondern nur der trostlose Alltag in einer "Männerwelt", und für diese Enttäuschung möchte sie sich nun durch amouröse Abenteuer schadlos halten. Die einzige positiv gemeinte Frauenfigur, Naomi Hoktor (Felicia Farr), fällt vor allem durch Eigenschaften wie Hingabe, Sanftheit und Zurückhaltung auf, mithin alles Tugenden, die traditionellerweise seitens der Männer von den Frauen erwartet wurden. Gegenüber der feurigen und selbstbewußten Valerie French wirkt Felicia Farr denn auch so tantenhaft wie Andie MacDowell.
Dennoch ist "Jubal" ein Western von großer Intensität, der vor allem von dem inneren Drama seines Helden und den Intrigen dessen ein wenig überzeichneten Widersachers lebt. Ganz im Stile vieler Western der 50er Jahre wird hier nur wenig gunplay geboten, doch tut dies der Spannung des Filmes überhaupt keinen Abbruch.