In diesem Jahr ist Karin Hertzers Buch „Mann oder Frau - wenn die Grenzen fließend werden" erschienen. Auf gut 200 Seiten spricht die Autorin alle wesentlichen Aspekte des Lebens derjenigen Menschen an, welche sich nicht selbstverständlich in die vorgegebenen Kategorien von „Mann" oder „Frau" einordnen lassen. Der Rahmen dieses Buches ist weitgespannt. Aufbauend auf einer pragmatischen Definition der Geschlechtsidentität wird im ersten Teil des Buches das gegenwärtige transvestitische und travestitische Leben analysiert sowie den historischen Belegen und interkulturellen Unterschieden der Geschlechterfrage nachgegangen. Der zweite Teil widmet sich ausschließlich der besonderen Problematik von Transvestiten und Transsexuellen. Dabei wird - neben den medizinischen Aspekten der Entstehung des Geschlechts und der Intersexualität - vor allem die psychologische Seite von Transvestismus und Transsexualität beleuchtet. Karin Hertzer interviewte hierfür eingehend die in München praktizierende Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Dorette Poland, die im zweiten Teil des Buches die Argumentation durch viele themenbezogene Zitate theoretisch unterstützt. Das Buch zeichnet sich dadurch aus, daß es - trotz seines weiten Rahmens - erstaunlich informativ ist. Dies gelingt Karin Hertzer durch eine kompakte Abhandlung der jeweiligen Problemstellung sowie durch prägnante Sätze. Weiteres positives Merkmal des Buches sind die den Text auflockernden Einstreuungen lexikalisch knapp erläuterter Begriffe (z. B. Androgynie, Sexing, Unisex) sowie Kurzdarstellungen bekannter Transvestiten und transsexueller Menschen wie z. B. die von Billy Tipton, Michelle Ziegler oder Christine Jorgensen. Dies ist hilfreich, wenn schnell Beschreibungen einschlägiger Begriffe und Menschen gefunden werden wollen. Einfühlsam verfaßt und vom Umfang der Problematik angemessen ist auch der Abschnitt über Transvestiten und transsexuelle Menschen (incl. der Abschnitt über die Probleme der medizinischen Anpassungen an das Wunschgeschlecht im Falle von Transsexualität). Hier finden Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde von Betroffenen oder auch nur Interessierte Informationen für eine verständnisvolle Auseinandersetzung mit dieser Problematik. Karin Hertzer geht dabei besonders auf Partnerinnen und Partner ein und gibt Tips beim Coming-out gegenüber dem Arbeitgeber. Ich möchte das Buch all denen empfehlen, die sich einführend aber fundiert mit diesem Bereich menschlichen Lebens beschäftigen wollen. Es ist besonders geeignet für Angehörige und Freunde von Betroffenen. Anregungen findet auch derjenige, der an der wissenschaftlichen Seite von Transvestismus und Transsexualität interessiert ist. Insgesamt beurteilt hat mir das Buch gut gefallen. An vielen Stellen habe ich Dinge erfahren, die ich vorher nicht wußte.