Paul Auster spielt mit Realitätsebenen. Fiktion oder Wirklichkeit, gibt es überhaupt einen Unterschied? Der Krieg scheint überall zu sein.
Am 17. Februar 1600 wurde der italienische Philosoph Giordano Bruno in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Grund: In einer Zeit, wo für die meisten die Erde der Mittelpunkt von Allem war, vertrat Bruno die Meinung, dass neben einem unbegrenzten und unendlichen Weltall, dieses außerdem von unzähligen Welten erfüllt sei, die womöglich ebenso bewohnt und belebt seien wie die Erde. Zudem hatte er die Vorstellung, dass alle Körper beseelt seien und sich in einer lebendigen Wechselwirkung im Universum befänden.
Auch in Paul Austers neuem Roman "Mann im Dunkel" erfährt die Philosophie Brunos Bedeutung. Der alternde 72-jährige Literaturkritiker August Brill liegt in schlaflosen Nächten wach und erträumt sich Geschichten. "Nichts Besonderes, aber solange ich mich damit beschäftige, muss ich schon nicht an die Dinge denken, die ich lieber vergessen möchte." Vergessen will er seine Schmerzen an Körper und Geist. Durch einen Autounfall ist er beinahe bewegungsunfähig an Bett und Rollstuhl gefesselt. Seine Frau starb vor einiger Zeit an Krebs. Nun wohnt er bei seiner Tochter Miriam und seiner Enkelin Katya. Auch diese beiden haben in jüngster Zeit Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Miriam wurde von ihrem Mann verlassen und Katyas Freund Titus kam auf entsetzliche Art und Weise ums Leben (wie, dies verrät Auster erst am Ende des Buches). Alle drei versuchen ihre Traumata auf eigene Art und Weise zu überdecken - mit Bildern. Der eine erspinnt Geschichten, die Enkelin schaut sich exzessiv Filme an und Miriam schreibt an einer Biografie über Rose Hawthorne, einer Frau, die nach Jahren des Scheiterns spät noch zum Glauben konvertierte und dreißig Jahre lang unheilbar Kranke pflegte.
"Nichts Besonderes" meint Brill zu seinen Wachträumen. Doch weit gefehlt. Sie scheinen in einer Art Parallelwelt wahr zu werden. Einer Welt, in der zwar das World Trade Center in New York noch steht und 9/11 genauso wenig stattgefunden hat wie die Invasion der USA im Irak, zur gleichen Zeit jedoch ein blutiger, von Terror gepeinigter inneramerikanischer Bürgerkrieg das Land spaltet. Seit einer betrügerischen Wahl im Jahr 2000 kämpfen die Föderalisten unter George W. Bush gegen sechzehn unabhängige Einzelstaaten, die damals mehrheitlich demokratisch gewählt hatten. 13 Millionen Tote hat das sinnlose Gemetzel bereits gefordert.
Die Kritik des Autors an der Politik der USA springt einem geradezu aus den Seiten an.
August Brills erträumte Figur - Owen Brick ein bald dreißigjähriger Profizauberer, der unter dem Namen "Der Große Zavallo" hauptsächlich bei Kindergeburtstagen auftritt - wacht eines Tages in dieser wüsten Welt auf. Seinen Auftrag erfährt er recht schnell: eben jenen Erfinder dieser bösen Geschichten umbringen. Brick will nicht töten. Doch bei Zuwiderhandlung droht man ihm und seiner Frau eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Zwar gelingt es Brick in die reale Welt zurückzukehren, aber seine Häscher finden ihn auch hier.
Schnitt. Abrupter Szenenwechsel.
Nach zwei Dritteln des Buches ist das Szenario beendet. "Der Große Zavallo" hat ausgezaubert, wird mit keinem Wort mehr erwähnt. "Giordano Bruno und die Theorie unendlicher Welten.", sinniert Brill, "aber es gibt noch andere Brocken auszugraben."
Und genau das tut Auster. Eine nahezu sanfte und sentimentale Stimmung stellt sich nun ein. Die letzten 75 Seiten handeln von Erinnerungen des alten Kritikers und einem nächtlichen Gespräch mit seiner Enkelin und steuern mit Bedacht auf die Enthüllung erschreckender Details hin. "Ich habe unser Gespräch zu einer Nacht der Wahrheit im Schloss der Verzweiflung gemacht..."
Der Autor setzt erneut auf sein altbekanntes Stilmittel. Er schafft Verwirrung, bricht Handlungen abrupt ab und überlagert Bilder. Der Leser schwebt ständig in einem Wechselbad der Gefühle. Wo führt das hin? Hat dies alles mit der Trauerarbeit der Protagonisten zu tun? Wird es das sogenannte Licht am Ende des Tunnels noch geben?
Paul Auster erweißt sich selbst als der "große Zauberer". Was in der Quantenphysik ein bekanntes Phänomen ist, findet hier in der Literatur statt: alles scheint miteinander verschränkt. Meisterhaft, wie er mit ein zwei Strichen ein ganzes Panorama unterschiedlicher Universen entwirft - ein Multiversum.
Letztendlich dreht sich die wunderliche Welt immer noch.
Fazit:
"Mann im Dunkel" ist ein spannender, komplexer, origineller und politischer Roman des amerikanischen Autors. Er ist sanft und ergreifend, zugleich jedoch auch grausam und schockierend. Ein großartiges Buch!
Werner Schmitz hat es vorzüglich in die deutsche Fassung übertragen.