Zitiert aus der Nürnberger Zeitung: 6. August 2010
Es gibt Bücher, die liest man ganz langsam - jede Zeile, jedes Wort, jeden Buchstaben. Und man ist traurig, wenn sie zu Ende sind. Es sind Bücher, die man seinen Freunden schenkt und bei denen man sich wünscht, sie würden noch im selben Moment zu lesen beginnen.
Ein solches Buch ist Mann für Mann" von Bastienne Voss. Es erzählt die Geschichte von Sybille, einer jungen Ostdeutschen in der Zeit des Mauerfalls. An Politik verschwendet Sybille kaum einen Gedanken. Sie lebt in einem Internat in dem Nest Ollingerode, langweilt sich durch das Musik-Spezial-Abitur, sehnt sich nach der Großstadt und will Schauspielerin werden.
Bis es soweit ist, vertreibt sie sich die Zeit mit Männerbekanntschaften. Da gibt es Igor, Jimmy, Clemensbaby... und dann kommt Hesse: der Ex-Geliebte ihrer Mutter. Sybille ist inzwischen in Berlin, Hesse wird ihr Schlüssel zur Welt des Theaters, der Literatur, der Künstler. Und mit ihm erlebt sie hemmungslosen Sex.
Die Mauer fällt und alles wird anders. Männer verlieren ihre Potenz, Sybille ihren Job. Es ist eine Zeit ohne Struktur, des Verlustes: Alles, womit sie groß geworden war, war weg. Sang denn jemand noch die Moorsoldaten? Oder das Solidaritätslied?"
Bastienne Voss hat mit Mann für Mann" jedoch keineswegs ein tragisches Buch geschrieben, das Ostalgiesehnsüchte bedient. Vielmehr gelingt ihr mit außergewöhnlicher Beobachtungsgabe und wundervoller Sprache ein ironisch-witziges Buch voller Untertöne. Trotz aller Offenherzigkeit driften die Beschreibungen der Liebesszenen nie ins Peinliche ab.
Und wie schon in ihrem Debüt Drei Irre unterm Flachdach", in dem sie ihre Kindheit in der DDR höchst unterhaltsam beschreibt, bildet Voss' Biografie auch bei Mann für Mann" das Grundgerüst ihres Romans.
Voss, 1968 in Berlin geboren, legte das Abitur an der Spezialschule für Musikerziehung Gerhart Hauptmann" ab, in Wernigerode, einer Kleinstadt im Harz. Auch sie hat eine Schauspielausbildung absolviert und studierte an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber" in Dresden Gesang. Wie bei ihrer Romanfigur beginnt ihre Schauspielkarriere bei einer Dailysoap. Nach Gute Zeiten, schlechte Zeiten" wechselt sie zum Theater und steht von 1999 bis 2006 auf der Bühne des legendären Kabaretts Die Distel".
2007 erscheint Drei Irre unterm Flachdach" - lange hatte Bastienne Voss gezögert, gezweifelt an ihren Fähigkeiten als Schriftstellerin. Man traut ja oft dem nicht, was man so denkt. Man ist selten mit so viel Selbstbewusstsein ausgestattet, zu glauben, es interessiere alle, was man zu erzählen hat", sagt sie. Dann gibt es immer wieder Leute, die einem zureden, das aufzuschreiben, das hat mich sehr ermutigt." Mut, den Voss hoffentlich noch häufig findet. Nürnberger Zeitung (6. August 2010)