Wenn Veronique Olmi einen neuen Roman veröffentlicht, dann sind nach den vier Vorgängerbüchern die Erwartungen der Leserschaft hoch. Auch mit ihrem neuen, fünften Buch "Ein Mann, eine Frau" enttäuscht sie diese Erwartungen nicht.
Das Buch schildert die Begegnung einer Frau und eines Mannes. Einen Nachmittag lang berühren und lieben sie sich, dann gehen sie wieder auseinander, und das Leben der Frau ist danach für immer verändert.
Von ihr erfahren wir, dass sie etwa vierzig Jahre alt ist, verheiratet war mit einem Mann und zwei Kinder hat. Als sie vor Jahren ihrem Mann ihren Trennungswunsch offenbart, flüchtet der sich in eine Psychose. Sie steht die Zeit bis zur Scheidung mit diesem zum Monster mutierten Mann durch. Doch sie verliert an Leib und Seele. Wir erfahren, dass sie viel Gewicht in den letzten Monaten verloren hat und vieles deutet darauf hin, dass sie an Leukämie leidet.
Er - auch der Mann bleibt ohne Namen - hat sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen, sie aber schon früher bei flüchtigen Begegnungen in der Öffentlichkeit begehrt, was sie damals immer gespürt hat.
Nun hat er sie angerufen, sie hat ein Treffen vorgeschlagen und er hat zugestimmt. Wie Veronique Olmi diese Begegnung im Jardin du Luxembourg und später in einem Hotel schildert, immer aus Sicht der Frau, wie sie deren Gedanken und Gefühle beschreibt bei jeder weiteren Annäherung, das ist höchste Kunst, sensibel-erotische Literatur vom Besten.
Sie erleben Stunden allerhöchster Spannung und Lust, sie loten Grenzen aus und überschreiten sie. Und dabei werden sie beide zu unverwechselbaren Individuen. Und die Frau fühlt sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wie sie selbst, öffnet sich und erzählt dem Mann nach atemberaubenden Liebesstunden, die beide an den Rand des Wahnsinns gebracht haben, ihre Geschichte.
Und er hört zu, endlich hört ihr jemand zu, er streichelt sie und er gibt ihr mit seinem ganzen Verhalten, seinen Gesten und auch seinem Körper ihre Würde, ihr Frausein, ihr Leben zurück.
Die drückende Schuld unter der sie gelitten hat, die sie vielleicht auch sterbenskrank werden ließ, löst sich auf:
"Sie würde leben.
Diese Zeit leben.
Die Zeit der Vergebung."
Ein wunderbares Buch, das mich tief berührt hat durch seine Ehrlichkeit und Menschlichkeit.