Moritz Rinke, einer der erfolgreichsten Dramenautoren Deutschlands, hat mit "Der Mann der durch das Jahrhundert fiel" seinen ersten Roman vorgelegt. Die tragikomische Familiengeschichte ist auch ein spannender Krimi. Nebenbei bietet das Buch eine kleine Kunst- und Kulturgeschichte der bekanntesten deutschen Künstlerkolonie Worpswede und gleichzeitig eine geschichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus dort.
Paul Wendland, ein erfolgloser Galerist eines blinden Malers aus Berlin, kehrt nach Worpswede, dem Ort seiner Kindheit zurück, um sein Erbe, das Haus seines Großvaters, vor dem Versinken im Teufelsmoor zu retten. Dort wohnt Pauls Cousin, der Buchweizenpfannkuchen bäckt und Liebesbriefe an Frauen schreibt, die er auf "landflirt.de" kennenlernt. Da dieser geistig behindert geboren wurde, wurde er vom Großvater nicht als Vollmitglied der Familie Kück anerkannt und erhielt kurzerhand den Namen Null-Kück. Pauls Großvater war der Bildhauer Paul Kück, der Büsten berühmter Persönlichkeiten wie Max Schmeling, Heinz Rühmann und Willy Brandt modellierte und in Bronze goss. Das Haus ist voll skurriler Utensilien, die die Familie mit der großen (Kunst-) Geschichte Deutschlands verbindet. Da ist der Rilke-Topf, den Pauls Großmutter angeblich von Rilkes Frau Clara geschenkt bekam, und in dem sie immer Linsensuppe kochte ebenso wie ein Stück Butterkuchen, das Willy Brand anbiss aber nicht zu Ende aß, weil eine Staatsaffäre ihn zurück nach Bonn rief. Doch nach und nach gibt das Moor nicht nur des Großvaters nationalsozialistische Verstrickungen preis, sondern offenbart auch eine Familientragödie und mindestens ein Verbrechen. Pauls anfängliche Probleme mit seiner Freundin, die in Barcelona lebt, verlieren anhand des aufgedeckten Netzes aus Lügen und Verbrechen immer mehr an Bedeutung. Anhand von Pauls durchgeknallter Mutter, die ihm Salat mit der Post aus Lanzarote schickt, rechnet Rinke auch gleich noch mit der 68er Generation ab.
Rinke gelingt es in seinem Roman über den Untergang einer Familie die wichtigsten Stationen der deutschen Geschichte zu verankern. Dabei versinkt er nicht in falscher Befindlichkeit, sondern schafft es mit Lust am Erzählen und Liebe zu skurrilen Details den Leser emotional zwischen Freude und Entsetzen zu halten. Eine spannende und lustvolle Lektüre!