1947 ist Simenons Roman erschienen. Romanen, die an die 60 Jahre alt sind, merkt man ihre zeitgeschichtliche Einbettung meist an. Zwar bleibt die grundlegende Thematik oft zeitlos interessant, aber die Art und Weise, wie Menschen mit ihrem Leben umgehen und darüber reflektieren, und sich letztlich auch verhalten, verändert sich meist doch sehr schnell. Schnell werden einem Romane, die in einer anderen Zeit spielen, fremd.
"Brief an meinen Richter" ist das erste Simenon-Buch, das ich seit mehr als zwanzig Jahren gelesen habe. Es sind vor allem zwei Dinge, die mich nach dem Lesen dieses Romanes beschäftigen:
Zum einen die absolute Zeitlosigkeit, mit der dieser Roman geschrieben ist. Die Midlife-Crisis von Kees Popinga könnte genauso gut einen leitenden Angestellten am Anfang des 21. Jahrhunderts treffen und die Art und Weise, wie er vollkommen psychopathisch und selbstüberschätzend auf Ereignisse reagiert, die ihn überrollen, könnte ebenfalls heute genauso stattfinden. Simenon ist damit auch heute noch absolut lesenswert und das Buch der lebendige Beweis dafür, dass psychologisch genaue Charakterstudien auch über Jahrzehnte hinweg nichts von ihrer Aktualität verlieren.
Der andere Aspekt aber: Schön, dass Simenon keine Alltagsfliege war und ich mit Hilfe der Edition der "Süddeutschen" wieder Zugang zu einem Autor gefunden habe, der soviel produziert hat, wie kaum ein anderer. Nach "Drei Zimmer in Manhattan" und "Brief an meinen Richter" hat sich dieser Eindruck gefestigt und ich freue mich auf viele zukünftige Leseerlebnisse mit Georges Simenon.