Was machen Menschen, die aus der "Normalität herausfallen", etwa durch einen unabsehbaren Aufenthalt auf einem Flughafen in einem exotischen Land? Es entstehen Freiräume in diesem (auch metaphorisch zu begreifenden) Warteraum, der Wahrnehmungsbereiche öffnet, Gespräche nehmen unerwartete Wendungen, Konventionen sind außer Kraft. Der von der Fluggesellschaft kostenlos gestellte Barbesuch wirkt katalisatorisch auf die seelischen Befindlichkeiten und der durch die Unabsehbarkeit der Aufenthaltsdauer steigende Druck läßt die Beteiligten seltsame Dinge tun. Ein wenig wie in Sartres "Eingeschlossenen" werden die Reisenden auf eine Art mit sich und anderen konfrontiert, die existenziell ist. Daß ein Großteil der Passagiere Deutsche sind, ist kein Zufall, die Kultur trennt und verbindet gleichermaßen. Auf dem konstruierten Tableau des exotischen Warteraumes (einer Art Fegefeuer?) zeigen sich Wesenseigenschaften und Lebenslügen deutlicher als im "Schutzraum" häuslicher Gewohnheit. Die innere Provinz ist überall, egal wie weit man reist. So wird die genau beobachtete und teilweise großartig gespielte psychologische Studie des Regisseurs zu einer offenen Frage nach dem "deutschen Wesen". Trieb- wie auch Zwanghaftigkeit, Nettigkeit wie auch Angeberei und Weltmannsposen bringen die Handlung wechselnd voran, einige Masken fallen, Haltungen wechseln und nicht alle Begegnungen, die der Nährboden des geteilten Warteraums hervorbringt, haben Bestand und oder bringen Bleibendes. In einem gewagten poetischen Bild läßt der Regisseur seinen "Reigen" schließlich zusammenfliessen: der spontan entstehende Choral, in dem die Passagiere für kurze Zeit in einem absurden Gesangsakt zu einem Wesen zusammenzuwachsen scheinen, ist ein großartiger Kinomoment mit irrealer Note - der jedoch nichts von der vorangegangenen Seelenschau zurücknimmt oder relativiert... Man muss diesen Film weder lieben noch genial finden - doch er liefert zweifellos eine Menge angerissene Fragen und lädt zum Denken ein über Konstruktion und Zerfall von Identität. Wer das Thema langweilig findet, der hat den falschen Film erwischt.