Neue Zürcher Zeitung
William Marshalls Krimi «Manila Bay»
Bei William Marshalls Kriminalromanen braucht der Leser eine Weile, um herauszufinden, worum es eigentlich geht. «Manila Bay» beginnt in einer Hahnenkampfarena, wo ein alter, einäugiger Kampfhahn mit Holzbein und ein junger Herausforderer sich gegenüberstehen. Warum der Kampfhahn mit Holzbein als eindeutiger Favorit gilt und sein Gegner «keine faire Chance» hat, wird zwar bald klar: Der Kampf ist getürkt. Auch dass deshalb kaum jemand eine Wette zugunsten des jungen Hahns abschliessen will, passt ins Bild. Merkwürdigerweise setzt aber ein kahlköpfiger Mann die riesige Summe von fünfhundert Dollar auf den Aussenseiter. Als dieser tatsächlich kurz davor steht, gegen den Favoriten zu gewinnen, erschiesst der kahlköpfige Mann den Buchmacher, wodurch der junge Hahn um seinen Sieg gebracht wird, weil der Erschossene ihn zu Tode quetscht.
Vom Fegefeuer in die Hölle
Der Leser kann sich auf diese widersinnige Handlung des Kahlköpfigen keinen Reim machen, und ihm bleibt auch wenig Zeit dazu, denn die nächste Szene versetzt ihn in den Dinosaurierpark von Manila, wo, wie der Erzähler verkündet, ein «Kopfjäger» auf «japanische Knochenjäger» lauert. Und als sich der Sinn dieser Aussage lichtet, ohne dass allerdings gleich offenbar würde, was genau hier abläuft, wechselt der Schauplatz erneut. Ein Polizeidetektiv versucht einen Taxifahrer dazu zu überreden, sein Fahrzeug für die Jagd auf den «Durianbombenwerfer» zur Verfügung zu stellen. Durian, erfährt der Leser, ist eine wohlschmeckende, aber äusserst übel riechende Frucht. Der Attentäter wirft Glasröhrchen mit Duriansaft als Stinkbomben durch die offenen Fenster haltender Taxis, um in der folgenden Verwirrung die Fahrgäste auszurauben. Die Beraubten haben die Fenster heruntergelassen, weil der Durianbomber ihnen offenbar etwas sehr Verlockendes zum Verkauf anbot. Worum es sich dabei handelt, mag aber rätselhafterweise keines der Opfer verraten.
«Manila Bay» bietet drei Krimihandlungen in einem Roman, und eine lässt sich verrückter an als die andere. Marshall schreibt in einer Tradition von Krimiautoren, die Julian Symons in «Bloody Murder», seiner Geschichte des Genres, als «Farceurs» bezeichnet hat, in der deutschen Ausgabe mit «Spassvögel» übersetzt. Sie verbinden nicht einfach nur den Detektivroman mit der Komödie, sondern treiben mit der Verwicklung des Geheimnisses und den Abwegen seiner Aufklärung selbst ihre Possen. Der besondere Reiz dieser Geschichten liegt im disziplinierten Wahnwitz: die Krimihandlung verrückte Kapriolen schlagen zu lassen und doch immer wieder auf den Boden des Erklärbaren zurückzukommen. Bei allen Bizarrerien bleibt die Welt, die die Farceurs des klassischen Detektivromans beschreiben, geschlossen und heiter, weshalb man sie mit Recht als «Spassvögel» titulieren kann. Auf William Marshall dagegen passt der deutsche Ausdruck nicht. Seine Welt ist weder geschlossen noch heiter. Farceur kann man ihn nur nennen, wenn man bei dem Wort die satirische Schärfe der Farce mitdenkt.
Marshall, der sich fast auf der ganzen Welt herumgetrieben hat, siedelt seine Geschichten in unübersichtlichen, von einem Vielvölkergemisch bewohnten Megastädten an. Seine Krimis um das Yellowthreadstreet-Revier, mit denen er im deutschen Sprachraum bekannt geworden ist, spielen in Hongkong, «Manila Bay» von 1986 und ein weiterer Roman, der ebenfalls beim Zürcher Unionsverlag in deutscher Erstausgabe herauskommen soll, in der Hauptstadt der Philippinen. Hier treffen Filipinos, Chinesen, Japaner, Vietnamesen, Spanier und Nordamerikaner aufeinander, und aus diesem Hexenkessel verschiedener Kulturen gewinnt Marshall das Material für seine befremdlichen Abenteuer und Geheimnisse.
Chaotische Welt
Ein weiteres Konfrontationsprinzip bei Marshall beruht auf dem Umstand, dass sich unter dem modernen Lack der Metropole Archaismen und unbewältigte Vergangenheiten verstecken. Detective Sergeant Baptiste Bontoc besitzt einen Universitätsabschluss, und sein ganzer Stolz liegt darin, zum zivilisierten Teil der Menschheit zu gehören aber, meinen die Vorgesetzten, seine Herkunft von einem Stamm ehemaliger Kopfjäger kann bei der modernen Verbrechensbekämpfung durchaus von Nutzen sein, und so hockt er für einen Sondereinsatz mit Muschelkette und Beil in der Höhle des Dinosaurierparks. Lieutenant Felix Elizalde, zuständig für die Aufklärung des Mordes in der Hahnenkampfarena, wundert sich, warum der Schiedsrichter aussagt, dass der erschossene Buchmacher noch eine Zeitlang gelebt habe, während er nach dem pathologischen Befund sofort tot war. Aber Elizalde kennt eben nicht, ebenso wenig wie wir Leser, die besonderen Regeln der Hahnenkämpfer.
Marshall zeigt in seinen Krimifarcen eine chaotische Welt, beherrscht von unterschiedlichen Zeitschichten und widerstreitenden Kulturen. In ihr nicht die Übersicht zu verlieren, bedeutet für die Figuren einen ständigen Kampf, und durch die Form seines Erzählens, durch die kleinen und grossen Irritationen, vermittelt Marshall etwas von dieser Herausforderung an seine Leser. Bis in die Sprache hinein setzt sich das fort. Das Denken und Sprechen der Figuren ist bestimmt von Unterbrechungen, Pausen, Neuansätzen und Wiederholungen: Die Annäherung an die Wirklichkeit erfolgt stockend. Marshall bleibt zudem bei der Farce nicht stehen. Die abstruse Hahnenkampfgeschichte geht allmählich in ein verständliches Politdrama über, nur um sich am Ende zu einer absurden Rachetragödie mit klassischer Anagnorisis auszuwachsen, bei der diese Wiedererkennungsszene den gerade gewonnenen Sinn erneut untergräbt. William Marshall nutzt so die Genretraditionen, aber nicht als etwas Feststehendes, sondern etwas Bewegliches, das er veränderten Erfahrungen anpasst.
Lutz Krützfeldt
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2001
Großes Vergnügen scheint er Lutz Krützfeldt bereitet zu haben, der neue Krimi von William Marshall. Und in der Tat hat sich das, was der Rezensent anfangs als dessen Plot mitteilt, ganz gehörig gewaschen. Marshall ist nämlich, so erfährt man, Vertreter einer ganz bestimmten Tradition von Krimiautoren, der von Julian Symons sogenannten "Farceurs". Diese verschmelzen den Detektivroman mit Elementen der Komödie und der Posse, erklärt Krützfeldt. Dabei entstehe eine chaotische Welt voller Bizarrerien, deren Wahnwitz dennoch bei der Auflösung der Krimihandlung diszipliniert im Erklärbaren bleibe. So seien gerade auch Marshalls Krimifarcen von widerstreitenden Zeitebenen und Kulturen beherrscht. Dazwischen sich zurechtzufinden, sei der stetige Kampf seiner Figuren, aber mittels einer adäquaten Erzählform und Sprache auch eine reizvolle Herausforderung an die Leser. Auch am Roman "Manila Bay" sieht der Rezensent eingelöst, dass er die genretypischen Formen nicht als starre Vorgaben benutzt, sondern veränderten Erfahrungen flexibel anpasst.
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