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Manieren
 
 
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Manieren [Taschenbuch]

Asfa-Wossen Asserate
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (45 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Die letzte Dame, dahingesunken - Prinz Asfa-Wossen Asserate über die Sitten der Deutschen Ursula Pia Jauch Das Verhältnis des deutschen Menschen zu den sogenannten Manieren ist, gelinde gesagt, ein schwieriges. Misstrauisch beäugt von den Franzosen, den Spaniern und den Engländern, die sich von alters her als die einzig eleganten Nationen verstehen, versucht der Deutsche, seinem Auftreten etwas Schliff zu geben. Kommt er dann im tiefvioletten Sakko einher und hat auch nicht vergessen, dass für das Schuhwerk ein englisches «after six no brown» einzuhalten ist, hat er gleich dreifach gefehlt. Violett gehört in die katholische Liturgie, «Sakko» ist ein Unwort, das nur ein Herrenoberbekleidungsverkäufer ungefährdet verwenden darf, und für den Engländer zeigt sich der deutsche Untertanengeist exakt darin, wie pedantisch in Germanien abends braunes Schuhwerk gemieden wird. Dennoch ist Verzweiflung nicht angesagt. Auch die Grossen unter den deutschen Denkern wussten, dass, wo es um «Manieren» ging, mindestens leichte Vorsicht angebracht ist. Dem Betrüger, so Immanuel Kant in der «Metaphysik der Sitten», ermangle es an guten Manieren ebenso wenig wie dem Trunkenbolde am Wein. In Herders «Briefen zur Beförderung der Humanität» findet sich eine wütende Predigt gegen die «Gallicomanie» mit ihren Moden, Kleidern und Manieren, die jeden properen Deutschen zu einem ungeschickten Affen machten. Nietzsche schliesslich befindet (in der «Dritten Unzeitgemässen Betrachtung» und sowieso nach einer länglichen Invektive gegen alles wohl- und übelriechend Sublimierte), dass die Franzosen gar nicht so Unrecht hätten, «wenn sie bei dem Verlangen einzelner Deutscher nach Eleganz und Manieren sich an den Indianer erinnert fühlen, welcher sich einen Ring durch die Nase wünscht und darnach schreit, tätowiert zu werden». Neue Perserbriefe? Kurzum. Das Verhältnis der Deutschen zu den Manieren ist historisch und philosophisch prekär. Nun aber, im Jahre 2003, kommt einer, ein äthiopischer Prinz von dunkler Hautfarbe, und reist durch Deutschland wie einst Usbek in den Montesquieu'schen «Perserbriefen» durch Frankreich. Er studiert die Deutschen und ihre Sitten – dazu gehören auch die Manieren –, und zwar vom politisch längst untergegangenen baltisch-deutschen Adel bis hin zu den handfesten Hausgebräuchen der heutigen Bajuwaren. Zur Person von Asfa-Wossen Asserate liesse sich steckbrieflich sagen, dass er 1948 in Addis Abeba als Grossneffe des Kaisers Haile Selassie geboren wurde, in Cambridge und Tübingen studierte, dass er sich nach der äthiopischen Revolution von 1974 (die seinen Vater als Vertreter des äthiopischen Feudalregimes das Leben kostete) in Deutschland niederliess, wo er heute dem durchaus bürgerlichen Beruf eines Unternehmensberaters nachgeht. Dass Asserate sein Buch über das Verhältnis des Einzelnen zum Comment mit dem schlichten Titel «Manieren» überschreibt, gehört zum Prinzip des Understatements, das aus all diesen Seiten und Kapiteln spricht. Es geht hier kaum je um die Do's und Dont's der trivialen Benimmkultur, um deren korrekte und vollständige Auflistung sich gegenwärtig und paradoxerweise gerade jene Gesellschaft wieder bemüht, die noch vorzeiten die «guten Sitten» auf den Misthaufen der Geschichte zu werfen für stilvoll hielt. Asserate, der viel und gerne von sich spricht (allein das erste Kapitel beschreibt, auch hier mit viel politischem Understatement, seinen «Weg nach Deutschland») – Asserate also, der «in Cambridge mit Trotzkisten und Maoisten im Smoking debattiert hat» und trefflich über die Unterschiede beim Tragen von bretonischen Hauben und Schwälmer Unterröcken und über sardisch umwickelte Hirtenwaden zu parlieren versteht, weiss zugleich, dass, was wir Manieren nennen, nur ein ganz dünner Firnis ist. Manieren sind allenfalls die äusserste Hülle der Menschwerdung, sie halten sich nicht an steife Regeln, sondern gehören mit den Werten der Erziehung, der kulturellen Herkunft, der Urteilskraft und des Sinnes für Nähe und Distanz, zu einer Ästhetik der eigenen Existenz. Börsen-Parvenüs (sofern es sie noch gibt) und Kaderseminar-Organisatoren werden hier keinen pragmatischen Leitfaden finden. Und sowieso plädiert Asserate weder für ein feinsinniges Spiessertum noch für eine Rückkunft der guten alten Sitten. Die besten Kapitel seines Buches sind lesbar nicht als Benimm-Fibel, sondern als Versuch einer deutschen Sittengeschichte unter den erschwerten Bedingungen der Moderne. Das ist ein paradoxes Unternehmen. Denn es fragt danach, wie wir in Zeiten der Egalisierung, der Aufhebung von Differenz und Distanz doch noch ein empfindsam unterscheidendes Selbst sein können, und zwar frei von Gravität und steifer Würde. Ade, edler Ritter Nehmen wir etwa Kapitel vier und fünf. Das eine handelt von der Dame, das andere entwickelt einen «Versuch über den Herrn». Jeder empfindsame Leser weiss, dass wir hier auf dem Minenfeld der konservativen Kulturkritik lustwandeln. «Die Dame ist unerklärlich.» Sie lässt sich weder literarisch noch soziologisch begreifen, eine verlässliche Damen-Ontologie gibt es nicht. Die Dame ist eine Höchstleistung der europäischen Kultur, sie kann eine Anarchin sein, aufsässig und unbezähmbar, und doch bleibt sie der immer schon bessere Mensch. Marie Anne Charlotte Corday d'Armont, nach dem Mord an Marat auf ihre Hinrichtung wartend, gestattete dem Abgeordneten Barbaroux, der sie vor dem Schafott retten wollte, einzig die Ehre, ihre Schulden zu übernehmen. Als ästhetisches Wesen konnte die Dame nur in einer Zeit leben, in der die bedingungslose Hingabe noch nicht unter den Verblendungsverdacht fiel. Wenn Schopenhauer zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen das europäische Damenunwesen zu polemisieren beginnt, zeigt sich in ihm nicht der Weiberfeind, sondern (und durchaus schopenhauerianisch gedacht) der abstrakte Wille kommender Egalisierung. Der Feminismus entstand, so Asserate, als die Demokratie mit dem Ideal der Dame «krachend» zusammenstiess. Folgerichtig ist für Asserate der Feminismus der Versuch, das für die europäische Zivilisation wesentliche Ideal der Dame unter den Bedingungen der industriellen Massengesellschaft aufrechtzuerhalten. – Das ist als These immerhin so schön wie provokativ, und nach einigen gut gelaunten Bemerkungen über die ästhetische Absurdität einer gender-korrigierten Sprache weinen Autor und Rezensentin jener Dame, die dereinst als letzte ihres Standes dahingesunken sein wird, eine Träne nach. Doch auch für den Herrn sehen die Zeiten nicht rosiger aus, time of chivalry has gone. Gelegentlich sehen wir noch ein rares Exemplar, inmitten der Geducktheit des ökonomisch dressierten Bürgertums. Kaum ein Vertreter ritterlicher Männlichkeit würde es heute noch wagen, hoch zu Pferd in den Salon (nicht: Saloon) einzureiten und nach dem Abservieren Kristallglas und goldenes Geschirr aus dem Fenster werfen zu lassen. Wo früher die Geste selbst zählte und diskrete Wertmarken bei jenen setzte, die sie zu dechiffrieren verstanden, lauert heute, in säkularen Zeiten, der blosse Unverstand. Die Zeichensprache der Désinvolture, mit der sich der Herr – gerade, weil er «Seele» hatte – über die Sache stellte, hat nichts gemein mit jener funktionalen Anteillosigkeit, mit der die Geschäftsträger der Gegenwart ihre Pflichten routiniert exekutieren. Ein Herr lässt keine Markenartikel auf seinen Leib kommen, der Geschäftsmann von heute trägt «Boss» und ähnlich geschwätziges Tuch, schon damit ist das Verhängnis besiegelt. Klugheitslehre Und so fort. Ohne Zweifel kann man sich des Längern darüber unterhalten, ob der Herr ein Portemonnaie auf sich tragen darf, wie alt der Familienadel sein muss, damit Verlobungen per Telegramm zu annoncieren sind, und ob Blindprägung und Antiqua für eine Visitenkarte ausreichen oder vielleicht doch ein Grafiker auf das kleine Papier losgelassen werden muss. Asserate streift all diese wichtigen Petitessen, und nicht ohne Eitelkeit gibt er dem deutschen Leser zu verstehen, dass dieser längst nicht mehr weiss, was «Volapük» bedeutet. Wohl ist Asserates Blick ins Museale gerichtet, doch der grosse Bogen des Buches hat nichts mit kleinlichen Manieren (oder gar Manierismen) zu tun. Wie einst seinem Vorläufer Freiherr Knigge (den Asserate, obwohl ein Freund extensiver literarischer Bezüge, nie erwähnt) geht es Asserate um eine Klugheitslehre, in der die Frage nach dem Selbst in einer sich rasant verändernden sozialen Umwelt zur Sprache kommt. Hier spricht kein Manierenpapst und auch kein Sittenrichter, sondern (wenn auch mit einem Stich ins Selbstgefällige) der alltagsdienliche Gebrauchsphilosoph. Längst sind wir alle Spiesser geworden, und dass einer gescheit, mit Lebenserfahrung und dem nötigen Sarkasmus über Grobianismen und Ehre, über Nachlässigkeit und Aufmerksamkeit, gar über «Manieren im Kommunismus» zu reden versteht, darf mit einem guten alten Compliment bedacht werden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 08.10.2003
Achtung, dies ist keines der typischen Benimm-Bücher, warnt Ijoma Mangold, auch wenn es aus Adelskreisen stammt. Sein Verfasser, Asfa-Wossen Asserate, ist ein Neffe des letzten äthiopischen Kaisers und lebt heute als Unternehmensberater in Frankfurt, informiert der Rezensent. Sein "Manieren"-Buch atmet für Mangold einen ganz freien Geist und liefert zugleich ein prächtiges Sittenbild der deutschen Gesellschaft. Zur Illustration liefert Mangold ein Beispiel: Wo üblicherweise im Benimm-Kanon vor Unpünktlichkeit gewarnt werde, kümmere sich Asserate nicht um den Unpünktklichen, sondern um die Wartenden, denen es obliege, den Unpünktlichen nicht bloßzustellen. Das ist wahrer Benimmadel! Am vergnüglichsten findet Mangold denn auch die Stellen im Buch, wo sich Asserate den Distinktionsversuchen der "schönen Welt" - wie er die Adelskreise von heute nennt - widmet. Wo das Bürgertum nachahmt, muss sich die "schöne Welt" absetzen, und so weiß Asserate, berichtet Mangold, dass es in Adelskreisen zur Zeit dazugehört, das en face-Schnauben bei starkem Schnupfen auszuhalten und nicht etwa den Kopf abzuwenden. Das alles wirkt ein wenig wie aus vergangenen Zeiten, gesteht Mangold ein; er verweist auf den Autor, der versichere, dass vieles davon, zumindest "als regulative Idee", in Adelskreisen heute noch lebendig sei.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

»Ein grandioses, sprachmächtiges Sittenbild unserer Zeit. Wer Deutschland kennen lernen will, sollte dieses Buch lesen.«
Ijoma Mangold, Süddeutsche Zeitung

»Wundervoll zeigt uns der afrikanische Prinz mit einem wahrhaft proustischen Blick auch die komischen Seiten aller Umgangsformen.«
Gustav Seibt, Literaturen

»Manieren kommt als Plauderei daher, als köstliche Unterhaltung, es bietet alles andere als einen Kanon mit komplizierten Verhaltensvorschriften, wie sie üblicherweise hierzulande verordnet werden. […]Der Mann schreibt elegant und witzig, auf Deutsch. Man könnte sagen, Englischer kann ein auf Deutsch geschriebenes Buch kaum sein.«
Susanne Mayer, Die Zeit

»Wahrhaft elegant geschrieben – in herrlichem Deutsch, humorvoll, gelehrt und unterhaltsam, von dezidiert persönlichem Charme und geradezu universellem Reiz: ein Buch, dessen Lektüre man jedermann anraten möchte.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Historische Herleitungen und skurrile Erzählungen machen das Buch äußerst spannend und amüsant.«
Sonja Pohlmann, Financial Times Deutschland

Kurzbeschreibung

Die europäischen Sitten in ihrer deutschen Spielart sagen mehr über uns, als wir gemeinhin glauben. über die Zähigkeit der Manieren kann man sich wundern, ärgern oder freuen. Doch lohnt es sich, intelligent mit ihnen umzugehen.

Ist der Handkuss peinlich? Kann man den Spießer loben? Stirbt das Kompliment aus? Gibt es heute noch Damen und Herren oder ausschließlich Männer und Frauen? Solche und hundert andere Fragen werden hier mit viel Charme und Witz erörtert. Dabei liegt es dem Autor fern, dem Leser Vorschriften zu machen.

Die ungeschriebenen und doch so wichtigen Regeln unseres Zusammenlebens fasst er indes genau ins Auge. Und so tritt viel zutage, was uns nachdenklich macht. »Der beste Kenner eines Landes und seiner Gesellschaft«, schrieb einst der große Soziologe Georg Simmel, »ist der Fremde, der bleibt.« Asserate, ein äthiopischer Prinz, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, ist ein solcher Fremder.

Der Verlag über das Buch

»Ein grandioses, sprachmächtiges Sittenbild unserer Zeit. Wer Deutschland kennen lernen will, sollte dieses Buch lesen.« Ijoma Mangold in der »Süddeutschen Zeitung«

»Wundervoll zeigt uns der afrikanische Prinz mit einem wahrhaft proustischen Blick auch die komischen Seiten aller Umgangsformen.« Gustav Seibt in »Literaturen«

»Manieren kommt als Plauderei daher, als köstliche Unterhaltung, es bietet alles andere als einen Kanon mit komplizierten Verhaltensvorschriften, wie sie üblicherweise hierzulande verordnet werden. […]Der Mann schreibt elegant und witzig, auf Deutsch. Man könnte sagen, Englischer kann ein auf Deutsch geschriebenes Buch kaum sein.« Susanne Mayer in Die Zeit

»Wahrhaft elegant geschrieben – in herrlichem Deutsch, humorvoll, gelehrt und unterhaltsam, von dezidiert persönlichem Charme und geradezu universellem Reiz: ein Buch, dessen Lektüre man jedermann anraten möchte.« Frankfurter Allgemeine Zeitung »Historische Herleitungen und skurrile Erzählungen machen das Buch äußerst spannend und amüsant.« Sonja Pohlmann in der »Financial Times Deutschland«

Über den Autor

Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, wurde 1948 in Addis Abeba geboren. Nach der äthiopischen Revolution von 1974 ließ er sich in Deutschland nieder. In Tübingen und Cambridge hat er Jura und Geschichte studiert und in Frankfurt a. M. promoviert. Er war als Journalist und als Pressechef der Düsseldorfer Messegesellschaft tätig und arbeitet heute als Unternehmensberater in Frankfurt. Für »Manieren« erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2004.

Auszug aus Manieren von Asfa-Wossen Asserate. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Mit dem Gedanken, eine Betrachtung über deutsche und europäische Manieren zu
schreiben, gehe ich schon eine Weile umher. Ich hatte mir sogar schon einen
Zettelkasten angeschafft, in dem ich nach dem Vorbild der berühmten japanischen
Hofdame Sei Shonagon zum Beispiel zusammentrug:»Was häßlich ist.« Was war nach
meinem Dafürhalten häßlich?


»Fremden Leuten ins Gesicht fassen.
Das Fernsehen laufen lassen, wenn
Besucher den Raum betreten.
Rotweingläser zu voll schenken.
Über sein
Gewicht sprechen.
In der Brusttasche ein Taschentuch aus demselben Stoff wie
die Krawatte tragen.
Sich wundern.
Medizinische Ratschläge geben: Wußten
Sie nicht, daß so viel Salz gesundheitsschädlich ist?
Sich im Theater mit dem
Rücken zu den Sitzenden durch die Stuhlreihe zwängen.
Mit nacktem Oberkörper
am Eßtisch sitzen.
Fremde Leute beim Abendessen fragen: Glauben Sie an
Gott?«


Es wurde mir sehr schnell klar, daß diese Liste, so lange sie sich fortsetzen
ließe, kein hilfreiches Konzept für ein Buch über die Manieren, wie ich es
plante, barg. Ich wollte mich ja nicht als arbiter elegantiarum
betätigen. Nichts wäre in der gegenwärtigen Verfassung der deutschen
Gesellschaft lächerlicher, nichts vergeblicher. Ich habe deshalb auch keinen der
vielen Ratgeber gelesen, die sich mit den Manieren befassen, obwohl viele davon
gewiß sehr lesenswert sind. Die Leute fühlen offenbar ein gewisses Bedürfnis,
sich über die Regeln der Verhaltensweisen in Gesellschaft zu
unterrichten.
Ist dieses Interesse nicht verblüffend?


DIE BEGRÜSSUNG


"Ich lege mich Ihnen zu Füßen, weil diese doch immer ein
reinlicherer Ort sind als Ihr Herz."
Jean Paul


Einen besonderen Reiz besitzen für mich die Bücher, die die Leute in ihre
Gästezimmer stellen: alles ausrangierte Werke, die sie in ihrer Bibliothek nicht
haben wollen, die aber unerwartete Funde ermöglichen.
Vor einer Weile
schlief ich in einem Zimmer, in dem der alte Meyer in sechsundzwanzig
Bänden meinen Schlaf bewachen sollte. Zwischen »Begriff« und »Bégeule - sich
zierendes Frauenzimmer« stieß ich auf das Stichwort »Begrüßungen«.


Ich lese gern, was man in Europa über Afrika zu wissen meint, und war
glücklich, gleich auch Äthiopien, hier natürlich noch Abessinien benannt,
erwähnt zu finden.
»Bei den meisten afrikanischen Völkern sind die
Begrüßungsweisen durchaus sklavisch«, las ich in diesem Artikel aus dem Jahre
1896, der sich auf das Werk Soziologie von Herbert Spencer stützte. »Die
Abessinier fallen auf das Knie und küssen die Erde.« Richtig, der Kaiser wurde
so begrüßt, und ich selbst habe ihn viele Male so begrüßt, und es war stets
unser äußerstes Vergnügen, wenn ein neuer Botschafter aus einem modernen
westlichen Land oder auch ein Kommunist aus der Sowjetunion sein
Beglaubigungsschreiben beim Kaiser überreichen mußte und vom Palastminister und
seinem Staatssekretär in die Mitte genommen wurde, die der stets etwas
widerspenstigen Exzellenz dabei halfen, den Kopf ganz hinunter bis fast auf den
Boden zu bringen und danach wieder auf die Beine zu kommen.
So »sklavisch«
ist es in Europa natürlich niemals zugegangen. Ein Wiener Freund, der Sohn eines
kaiserlichen Hofbeamten, erzählte mir, daß ein greiser Kammerdiener einmal vor
Kaiser Franz Joseph das Tablett mit dem Frühstück fallen ließ. "Bitt um
Vergebung, lege mich zu Füßen Ew. Majestät!" sagte der bekümmerte alte Mann, es
war die vorgeschriebene Anrede. "Bitte nicht auch das noch", antwortete der
Kaiser, "da liegt ja schon die Leberknödelsuppe."


-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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