Eigentlich überzeugte Anhängerin seiner Krimis, erlebte ich hier eine herbe Enttäuschung. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass J. Deaver inzwischen am Fließband schreibt und hier, mit diesem Buch, ein gewaltiges Stück Ausschuss in meinen Händen gelandet ist. „Die neue Serienheldin Rune ... bringt viel Herz und Humor in die nervenzerreißende Spannung" - so lautet ein Auszug aus dem Klappentext zu Deavers „Manhattan Beat". Rune, die Heldin mit Herz, recherchiert auf eigene Faust in einem Mordfall und wird, wie sollte es anders sein, selbst zur Gejagten. Was als Humor angekündigt wird, ist eine Folge von Tritten in jeden erdenklichen Fettnapf, der bereit steht. Die Naivität Runes ist bisweilen derart unerträglich, dass man auch noch das Gefühl bekommt, sich stellvertretend für sie schämen zu müssen, da ihr selbst die Einsicht in die Fehltritte verwehrt bleibt. Wenn sie Gespräche missversteht, weil sie z. B. Rimbaud nicht kennt und stattdessen Rambo versteht, sich dann fragt, wie der von Stallone dargestellte Held so „tiefgehende" Gedanken haben kann - dann finde ich das irgendwie nicht so richtig witzig. Genauso wenig wie folgenden Gedanken Runes: „Hm, schickes Klo", murmelte sie. Auf der Tür waren irgendwelche Initialen. W.C. Der Typ, der das Haus gebaut hatte, vermutete sie." Der gepriesene Humor erweist sich als banal. Ohnehin scheint das Wort Banalität die Figur und die Geschichte, die teilweise jeder Wahrscheinlichkeit entbehrt, am treffendsten zu beschreiben. Nicht mehr auszuhalten ist auch das angekündigte „viel Herz". Denn die kleine Rune träumt sich ständig in Märchenwelten, dabei wird dann auch mal eine Industrielandschaft zu einer Burgenwelt mit Rittern und all dem. Und wie schrecklich ist das Erwachen, wenn sie letztlich erkennt, dass New York „keineswegs ein Zauberreich (war), es war lediglich eine große Stadt voller guter und voller schlechter Menschen.". Welch' tiefgehender Gedanke! Mein Ärger über diese neue „Serienheldin" konnte leider auch nicht von Spannung o. ä. überlagert werden, weil diese schlichtweg nicht aufkommt.
Und so bleibt am Ende der Lektüre ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits bin ich stolz auf mich, weil ich es geschafft habe, das Buch bis zum Ende zu lesen, ohne es vorher weggelegt zu haben (was ich allerdings hätte tun sollen). Anderseits bleibt eine große Angst. Die Angst, Rune könnte einem tatsächlich noch einmal in einem Buch Deavers begegnen.