Die Suche nach einem passenden Stativkopf ist eine Wissenschaft für sich. Was nimmt man für welchen Einsatz? Kugelkopf? Getriebeneiger? Video-Neiger? 2-Wege-Neiger? 3-Wege-Neiger? Wie schwer darf der Kopf sein und was kann er tragen, bis die "maximal zulässige Zuladung" des Stativs erreicht wird? Es ist wirklich nicht leicht. Nach langem Hin und Her, Vergleichen verschiedener Systeme unterschiedlicher Hersteller, Besuchen in verschiedenen Internetforen und der Konsultation meiner Geldbörse habe ich mich für diesen Stativkopf entschieden:
Der
Manfrotto Neiger Pro MA 808 RC 4 aus Schwarz-lakiertem Aluminium gehört wohl nicht gerade zu den "Leichtathleten" der Stativköpfe. Aber mit knapp 1,4 KG liegt er in seiner Klasse im guten Mittelfeld. Man darf auch nicht vergessen, dass dieser Stativkopf schließlich bis zu 8 KG "Nutzlast" aufnehmen soll. Dies muss natürlich die Konstruktion auch hergeben - und stabil ist er!
Der 808RC4 kommt mit markanten und passablen Ausstattungsmerkmalen daher:
- Panoramamontierung mit 360°Grad-Einteilung
- Griffige, gummierte Schraubgriffe für horizontale Drehung, vertikale Neigung und Kippfunktion. Letztere in einem Bereich von -30°Grad und +90°Grad
- Neigungs- und Kippachse werden durch innenliegende Federmechanismen gehemmt, was das Einstellen der Achsen bei Gewichtsverlagerung durch den sich verändernden Schwerpunkt der montierten Ausrüstung unterstützen soll. Dies ist allerdings nur bei einem Zuladungsgewicht zwischen - na, sagen wir mal - 1 und 2 KG wirklich wirksam. Bei Montage eines schwereren Zoom-Objektivs - also über die 2 KG Zuladung hinaus - ist aber dennoch die Federung spürbar, so dass sich im Ganzen das Gewicht auf dem Kopf leichter beherrschen lässt, als wenn man die "Federbremse", die man für leichtere Gewichte auch abschalten kann, nicht hätte.
- Schnellwechselplatte aus Aluminium mit 2 Gewindeschrauben im Lieferumfang (1/4" und 3/8")
- Montageplatte mit Schnellverschluss. Dieser besitzt einen Sicherungsmechanismus am Verschlusshebel, der ein versehntliches Lösen der Wechselplatte wirksam verhindern soll - und auch wird.
- 2 Wasserwaagen und eine Nivelierlibelle. Besonderheit der Wasserwaagen: diese lassen sich über kleine Kreuzschlitzschrauben nachjustieren und sind dann sehr genau.
- Neigungswinkelskala für die Kipp- und Neigungsachse. Allerdings nicht sonderlich genau draufgeklebt (zumindest bei meiner Ausführung). Dient also allenfalls als grobe Orientierung.
Nicht schlecht für den Preis. Doch nun zum Handling, dass ich gerne in Pros und Kontras einteile:
Pros:
- Komplettausstattung und Stabilität.
- Wertige und saubere Verarbeitung.
- Alle Achsen lassen sich leichtgängig und "flüssig" bewegen. Zieht man die Schraubgriffe für die Achsen nicht allzu fest an, lässt sich sogar eine wirksame Friktion erzielen. Ich persönlich vermute, dass man sogar eine Fluid-Technik in die Achsen eingebaut hat, obwohl ich das in der Beschreibung auf der Herstellerwebsite nicht habe finden können. (Sollte der geneigte Leser hierzu Informationen haben, wäre es hilfreich, diese über die Kommentarfunktion der Rezension zu hinterlegen.)
- Wenn die Wasserwaagen mal justiert sind (mit einer handelsüblichen Wasserwaage aus einem Baumarkt), dann lässt sich der Kopf präziese für den horizontalen Einsatz (z.B. Panoramafotografie, Architekturaufnahmen) wie auch vertikalen Einsatz (z.B. Repro-Aufnahmen) einstellen.
- Sind die Achsen über die Schraubgriffe mal festgeklemmt, dann bewegt sich nichts mehr! Es gibt auch kein Spiel bei gelösten Achsen (Schlackern oder so).
- Federhemmung der Neigungs- und Kippachse. Diese lässt sich nicht nur deaktivieren sondern auch in ihrem Wirkungsgrad durch verschiedene Einrastpositionen verschieben, um den unterschiedlichen Schwerpunktverlagerungen durch Einsatz verschieden schwerer Objektive Herr zu werden. Vergl. aber auch "Kontras".
Kontras:
- Die Schraubgriffe für das Fixieren der Achsen sind schwer zu drehen. Es bedarf also eines gewissen Kraftaktes, um eine Achse fest zu stellen. Dies liegt an einer kleinen konischen Plastikmanschette, die beim Eindrehen des Griffs in die vordere Durchführöffnung mit eingebracht wird und somit die Schraubbewegung stark hemmt. Lässt man diese Manschette weg, geht alles gleich viel leichter. Allerdings hat dann der gelöste Griff etwas Spiel und könnte zu Vibrationen beim Auslösen der Kamera führen. Vielleicht die Manschette doch dranlassen und warten, bis sich das Ganze über den längeren Gebrauch des Neigers "eingeschliffen" hat.
- Nicht ganz exakt aufgebrachte Grad-Skala für die Neigungs- und Kippachse (s.o.). Kann daher nur als Orientierung dienen.
- Nicht ganz ein "Contra": Federhemmung der Neigungs- und Kippachse ist nur extrem wirksam bei mittelschwerer Ausrüstung (z.B. DSLR + Kit-Objektiv oder Makro-Objektiv); man hätte eine etwas stärkere Feder einsetzen können. Gerade bei Verwendung eines schweren Zooms ist die Federhemmung vielleicht ein wenig zu ineffektiv. So zumindest mein Eindruck.
- Relativ hohes Eigengewicht von ca. 1,4 KG.
Fazit:
Die stabile Ausführung, die flüssige Bewegung der Achsen sowie die Vielzahl der Ausstattungsmerkmale wie mehrere Wasserwaagen, Federhemmung der Achsen (bedingt) und deren Abschaltmöglichkeit, eine tatsächlich brauchbare Panaoramaskala, machen den Stativkopf zu einem kompletten System für ein geeignetes Stativ.
Sieht man einmal von den Kontras ab, so ist der 808RC4 3-Wege-Neiger ein erstklassischer Kopf für viele Anwendungsgebiete. Auch über die ledigliche Fotografie hinaus. Zwar werden 3-Wege-Neiger nicht sonderlich für die Videofraktion als brauchbar erachtet; ich könnte mir dennoch den Einsatz dieses Kopfes auch in diesem Bereich gut vorstellen - wegen der weichen Achsenbewegung. Ich werde es mal mit meiner Videokamera ausprobieren.
Für den Einsatz von etwas über 100 EUR erhält man "viel Köpfchen". Ich persönlich würde den Einsatz diese Stativkopfes im semi-professionellen wie auch im professionellen Bereich sehen.
Jetzt brauchen Sie nur noch ein entsprechendes Stativ, was eine maximale Zuladung von 8 KG + 1,4 KG Eigengewicht des Kopfes "wegstecken" kann. Die Suche danach ist wiederum eine Wissenschaft für sich ...
Sollte ich bei meinen Ausführungen zu euphorisch zu Gange gewesen sein, bitte ich Sie, mir das nachzusehen. Ich bin von diesem Produkt halt überzeugt.