Kurzbeschreibung
Der Autor über sein Buch
Der Aufbau von Produktfamilien auf einer gemeinsamen Plattform ist ein mächtiger Ansatz im Management von Produktportfolios. Ich habe in dieser Arbeit versucht, die Einflüsse des Plattformkonzepts auf die Gestaltung des Leistungsangebots und die damit verbundenen Kompromisse zwischen Flexibilität, Effizienz und Effektivität im Leistungsmanagement aufzuzeigen. Ein Bewertungsmodell für Plattforminvestitionen findet dabei in der Entscheidungsfindung Anwendung. Die Arbeit enthält drei Fallstudien aus dem Bereich des Industriegüterbaus.
Ich empfehle dieses Buch allen am Thema des Managements von Produktportfolios Interessierten.
Buchrückseite
Über den Autor
Auszug aus Management von Produktfamilien von Adrian P. Hofer. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
6.2.1 Grundlagen des Bewertungsmodells (Analogie)
6.2.1.1 Eigenschaften des Plattformkonzepts
Der Einsatz des Plattformkonzepts als Vorleistung der Leistungsgestaltung hat die Erhöhung der Flexibilität zum Ziel, ein Leistungsangebot mit einer bestimmten Varianz in einem unsicheren (Markt-) Umfeld anbieten zu können. Diese Flexibilität besitzt einen Wert. BALDWIN/CLARK erklären den Wert einer entkoppelten Produktstruktur (Value of Splitting) am Beispiel der Modularisierung folgendermassen: Wird für ein Design (Produktstruktur), das in zwei Module unterteilt ist, eine Neuentwicklung durchgeführt, so stehen am Ende vier Möglichkeiten zur Wahl: (1) Die beiden alten Module können durch die neu entwickelten ersetzt werden, (2) das alte System bleibt bestehen und (3) & (4) je ein Modul wird ersetzt. Eine Plattform als Erweiterung der Modularisierung eröffnet damit ein Spektrum an Optionen der Gestaltung des Leistungsangebots. Sie stellt eine Vorleistung dar, die nötig ist, um eine Gelegenheit in der Zukunft ergreifen zu können.
Plattformen müssen anders gemanagt werden als individuelle Produkte. Das Ziel der Plattformentwicklung ist es, die Gelegenheit zur Gestaltung des Leistungsangebots aufrechtzuerhalten. Die Entscheidung für die Entwicklung einer Plattform findet zwangsläufig in einem von hoher Unsicherheit bezüglich der zukünftigen Produktanforderungen geprägten Umfeld statt. Die Investitionsentscheidung ist zeitkritisch, da ihre Verzögerung einen späteren Markteintritt verursachen und damit die Rolle des Leaders aufs Spiel setzen kann. Wichtig ist, dass der Produktentscheid mehrstufig erfolgt; zuerst wird über die Plattform und erst danach über die einzelnen Produktvarianten entschieden. So kann beim Sortimentsentscheid die aktuellere Information im Rahmen der Freiheiten der Plattform noch berücksichtigt werden. Die Investition für die Plattform ist dabei meist irreversibel, d.h. sie ist wertlos, wenn nach der Entwicklung der Plattform das darauf aufbaubare Leistungsangebot nicht realisiert wird.
Wird die Flexibilität im Rahmen der Entscheidungsfindung nicht in die Betrachtung mit einbezogen, besteht die Gefahr von falscher Bewertung und damit von Fehlentscheiden. Unternehmen scheitern gemäss KOGUT/KULATILAKA nicht an den Gefahren der Unsicherheit, sondern daran, dass sie die Gelegenheiten, die sich dadurch bieten, nicht ergreifen.
Ein hoher Modularitätsgrad gibt die Möglichkeit, neue Module im Falle eines schlechten Entwicklungsresultats zurückzuweisen. Dadurch kann das Downside-Risk (d.h. das Risiko schlechter Entwicklungsresultate) minimiert werden, da nur die besseren Neuentwicklungen für eine Produktfamilie verwendet werden. Dem Optionsgedanken liegt dabei zugrunde, dass Unsicherheit als Gelegenheit und nicht nur als zu vermeidendes Risiko aufgefasst wird. Ziel ist das Aufrechterhalten einer Gelegenheit, während die Ausübung optional bleibt.
6.2.1.2 Analogieschluss Plattform ? Erwerb einer Call-Option
Das Plattformkonzept kann als Option auf die Gestaltung des Leistungsangebots umschrieben werden. Die mit der Plattform möglichen Entscheidungsflexibilitäten stellen damit Optionsrechte dar. Es stellt sich die Frage, ob nicht der Realoptionsansatz als Verfahren zur Bewertung von Investitionen zur Erhöhung der Flexibilität auf das Plattformkonzept angewendet werden kann. Gelingt es, das Plattformkonzept auf diese Weise zu bewerten, eröffnen sich nicht nur neue Wege in der Entscheidungsfindung, sondern auch weitere Hinweise auf das Management von Produktfamilien und Plattformen.
Die moderne Finanztheorie geht davon aus, dass Investitionen inhärent riskant (Chance & Gefahr) sind, da sie sich erst mit fortschreitender Zeit besser bewerten lassen. Eine Realoption bezeichnet das Recht, aber nicht die Verpflichtung, aufgrund von besserer Informationsqualität in der Zukunft eine Gelegenheit weiterzuverfolgen.
Unter einer Realoption versteht man zukünftige Handlungsspielräume und Investitionsmöglichkeiten eines Unternehmens in Verbindung mit der Fähigkeit des Managements, operative Entscheidungen an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Realoptionen stellen demnach ein Bündel von Handlungsoptionen in Bezug auf die Verwendung und Nutzung realer Aktiva dar.
Eine Investition in die Entwicklung einer Plattform stellt den Erwerb einer Option dar. Die zentrale Bedeutung des Analogieschlusses liegt in der Folgerung, dass die Investitionsbewertung mit Optionspreismodellen erfolgen kann, wenn die Strukturen der Cash Flows denen von Finanzoptionen gleichen. Bedingungen für die Zulassung der Analogie sind dabei nach HOMMEL/PRITSCH die Feststellung einer asymmetrischen Payoff-Struktur und die Präsenz der konstituierenden Merkmale einer Realoption (Flexibilität, Unsicherheit, Irreversibilität). Die Asymmetrie von Cash Flows (begrenztes Downside-Risk) kann aber nur ausgenutzt werden, wenn die Option erworben wird. Die einem Unternehmen zur Verfügung stehenden Optionen drücken den strategischen Handlungsspielraum aus, Produkte zu entwickeln, herzustellen und zu vermarkten. Dabei ist zwischen dem Erwerb, dem Unterhalt und der Ausübung von Optionen zu unterscheiden. Zweck der Analogie ist es, das Plattformkonzept (passiv) im Sinne der Investitionsrechnung zu bewerten und aus der Charakteristik der Realoptionen den Wert der Plattform (aktiv) zu beeinflussen und Rückschlüsse für das Management von Produktfamilien und Plattformen abzuleiten.
Zusammenfassend kann die Investition in eine Plattform mit dem Erwerb einer Call-Option verglichen werden. Sie ist demnach definiert durch das Recht, ohne die symmetrische Verpflichtung, ein bestimmtes Leistungsangebot bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu vordefinierten Kosten bereitzustellen. Die Payoff-Struktur einer Call-Option sieht wie folgt aus: Liegt der reale Projektwert unter dem Erwartungswert, hat die Option keinen Wert, d.h. die bis dahin aufgelaufenen Kosten sind verloren. Liegt der Projektwert jedoch über diesem Schwellenwert, steigt der Optionswert linear an.