Indianerfreundliche Filme gab es schon in den 1950-ern. Der hier vorliegende ist also ganz bestimmt nicht der erste. Jedoch ist es einer der aussagestärksten. Es ist ein Lehrstück über Menschenwürde aus der Sicht des roten Mannes, verkörpert von einem Weißen, der die rote Haut nach sich zog, um sie den verdutzten Zivilisierten auf die Nase zu binden.
Der Film - Man nannte ihn Hombre - besteht im Wesentlichen auch aus seinem unsichtbaren Hintergrund - dem Elend der Indianer, von den Weißen herbeigeführt. Eine besiegte, stolze Nation, nun verurteilt zu stummem Vegetieren ohne Sinn und Ziel. Echte Indianer sieht man in diesem Film nur zwei, in den ersten Sequenzen - dann übernimmt deren Verkörperung und Grundhaltung ein Indianer im Körper eines Weißen - sehr authentisch in deren ganzer Identität und Leidensfähigkeit. Darum ist der Western in jedem Fall ein pro-indianischer Film. Die Perversität des Wahnsinns offenbart sich in der Person des Indianeragenten, welcher die Reservation verlässt, um sich in seine Rente davonzustehlen...mitsamt seiner rassistischen Gattin und dem veruntreuten Geld, welches er den Indianern vorenthielt. Der kultivierte, zivilisierte Verwalter hat die Indianer gern hungern und verhungern lassen, um sich mit dem Blutgeld ein angenehmes Leben zu sichern.
Ich habe ein wenig recherchiert.
Es gibt einen gewaltigen Irrtum in der Jahresangabe der Filmhandlung seitens 99 Prozent der deutschsprachigen Inhaltsangaben, somit auch einiger hier vorgenommener Kritiken. Es handelt sich ganz definitiv nicht um das Jahr 1880, sondern im Englischen heißt es z.B. im Katalog des Amerikanischen Film Institutes (AFI) unter dem Titel Hombre: - By the mid-1880's, was so viel heißt, wie - in der Mitte der 1880-er Jahre, also ca. 1885.
Die Richtigstellung der Zeit ist historisch wesentlich, weil die politische und moderne Entwicklung in den USA sehr rasch vorangeschritten ist und innerhalb weniger Jahre eine ganz neue Situation hervorbrachte. Im Jahre 1880 gab es in der San Carlos Reservation noch keine Situation, wie im Film dargestellt. In jenem Jahr führte Geronimo noch einen erbitterten Krieg gegen die Weißen (bis 1886). Die Lage war sehr unruhig und blutig. Der Film jedoch beruht auf der bereits gänzlich befriedeten, bzw. unterworfenen Lage der Apachen. Die selbstverwaltende Indianerpolizei regelt den ordentlichen Betrieb in der Reservation. Der blauäugige Weiße John Russell (Paul Newman) lebt als Indianer bei den Apachen und steht ihnen als Polizist und Ordnungshüter in ihrem schweren Leben bei. Er fängt zudem mit seinen Mitarbeitern Wildpferde für den Postkutschenbetrieb ein, um sich dabei ein zusätzliches Einkommen zu sichern. Aus diesem Grunde tragen er uns seine Leute Revolver im Halfter, da dies nur der Polizei erlaubt war. Er hat also als Polizist eine relativ vorteilhafte, privilegierte Stellung und fungiert als Vermittler zwischen den beiden Kulturen.
In seinem Herzen ist er ganz Indianer, jedoch unterscheidet ihn von den Ureinwohnern etwas Wesentliches, die Perspektive der Wahrnehmung.
Der Indianer ist ein Subjekt der vollkommenen Freiheit und Weite. Nachdem er besiegt ist, liegt er traumatisiert am Boden und findet sich wortlos ab mit seinem Schicksal, ohne zu verstehen, was und warum eigentlich alles geschehen ist. (Sitzt er in der engen Zelle, so stirbt er). Der Weiße Indianer jedoch steht immer noch aufrecht und reflektiert anstelle des Eingeborenen nach, da er noch die Kraft dazu hat. Dabei vollzieht er den ganzen Schmerz doppelt mit - weil er das Ausmaß der ganzen Tragödie zu ermessen fähig ist, infolge seines Abstandes (Apstraktion), den er infolge seiner Herkunft hat. Er weiß und begreift, warum alles geschehen ist, warum die Tragödie einer freien Nation unabwendbar war. Und er begreift, dass der Untergang eines Volkes besiegelt ist, basierend auf dem Expansionswillen einer gewaltigen Staatsmacht. Als Polizist ist er gleichzeitig ein Instrument in den Händen der Herrscher, der sich mit ihnen arrangiert hat, um zu überleben und seinen Brüdern wenigstens ein Minimum an Grundbedürfnissen zu ermöglichen.
So steht John Russell als Verlorener zwischen den Welten und Kulturen, zu keiner richtig gehörend. Er prostituiert sich, um seinen hungernden und darbenden Landsleuten beizustehen. Und das ist der Grund, warum er Wildpferde einfängt. Wenn der Anfang des Filmes zeigt, wie wilde Pferde gefangengenommen werden und der eingefangene, weil befriedete Indianer Russell diesen Pferden persönlich die Freiheit nimmt, so spiegelt sich in dieser Versklavung sein eigenes Schicksal, dem er nicht zu entrinnen vermag, da er selber ein vollkommenes Subjekt der Unfreiheit ist (als Teil des unterdrückten roten Volkes). Und er weiß das - was ihn wesentlich von den Indianern unterscheidet.
Gleichzeitig trägt er die ganze Schuld des weißen Volkes auf seinen Schultern und tut alles, um dafür Sühne zu leisten, indem er sich als Mensch beweist, der im richtigen Moment tut, was richtig ist. Er zögert nicht, wenn es darum geht zu handeln und sorgt dafür, dass die Indianer das ihnen zustehende Geld zurückerhalten. Als er erkennt, dass die Weißen nicht in der Lage sind, Genugtuung zu leisten und sich zu erheben zu einem Kraftakt der Courage, übernimmt er die Initiative und opfert sich für deren Erlösung und Erkenntnis. Und letzlich für den Sieg der Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit.
Ein existenzielles Meisterwerk und lehrreiche Studie über Humanität, Courage und Toleranz.