Sullenbergers Buch ist schnell zu lesen, weil es gut geschrieben ist,
und man gerade weil man das glückliche Ende kennt, mehr darüber wissen will.
Und die Details sind das wahrhaft interessante: Die strenge Hierarchie
im Cockpit, wo der Co-Pilot nur begrenzt Vorschläge machen darf.
Wie sieht eine Checkliste aus? Die für den Notfall: 160 Seiten..
Er schreibt umfassend, gründlich, manchmal pathetisch.
Er hat einen Journalisten vom Wall Street Journal mit ins Schreib-Cockpit genommen.
Ein Profi: Beim Landen läßt er sich vom Fluglotsen beraten und beim Buchschreiben
eben auch vom Fachmann.
Er beschreibt sein Leben und es ist über die bloße Schilderung der dramatischen
5 Minuten eine Soziologie einer amerikanischen Familie.
Als Pilot ist er an 18 Tagen im Monat nicht zu Hause. Er wohnt in Kalifornien und muß
zum Dienst an die Ostküste. Muß auf die Warteliste und wenn kein freier Platz da ist,
darf er im Cockpit auf dem Notsitz mitfliegen. Mit selbstgemachter Stulle
und aus der ersten Klasse wehen die Düfte vom Rinderfilet ins Cockpit.
Früher gab es wilde Zeiten in den Piloten-Stewardessen-Hotels:
'Coffee, Tea, or Me ?'
Heute , alle schon bissel älter, verschwinden die meisten sofort in ihrem Hotelzimmer bis
zum Abflug am nächsten Tag.
Seine Frau sagt einmal zu ihm 'Du glaubst das Leben ist eine Checkliste, aber das ist es nicht.'
Und er zu ihr: 'Wenn alles in Ordnung ist, warum müssen wir dann so oft darüber sprechen?'
Sie kann keine Kinder bekommen, selbst als sie ihm nachfliegt, um im Hotel besser die fruchtbaren
Tage nutzen zu können klappt es nicht.
Die bürokratischen Schwierigkeiten die es mit sich brachte zwei Mädchen zu adoptieren werden
geschildert. Bis zum Alter von 40 Jahren hatte sie ihren Körper dafür gehaßt. Dann hat sie
ein Outdoor-Fitness -Studio für Frauen gegründet und hat verblüffende Erfolge damit, weil
sie irgendwie zur Rettung der Ehen der Frauen beiträgt.
Der Geist des do-it-yourself ist zu spüren: Er baut als Junge mit seiner Familie, Vater Zahnarzt,
Mutter musikalische Lehrerin, ein Haus auf diese Art inklusive der elektrischen Leitungen.
Später wird der Vater seinem Leben ein Ende setzen.
Es gibt einen Einblick in die notwendigen und überflüssigen Riten der Militärzeit:
'Yes, Sir!
'Nein, Sir!'
'Mein Fehler, Sir !'
'Ich weiß es nicht, Sir!'
Aus seiner Klasse von 35, Einführungskurs für Kampfpiloten, wurden nur zwei
genommen. Der 1,88 Meter große Sullenberger und ein anderer.
Vier Millionen Dollar Material dreißig Meter über dem Boden mit 900 km/h durch
die Wüstenluft zu jagen, da nehmen sie nicht Jeden.
Sullenberger schreibt:
In meinen Jahren beim Militär hätte ich an Dutzenden von Tagen auf dutzenderlei Weise
ums Leben kommen können. Und er beschreibt einige Fälle in denen es so geschehen ist.
Wenn Piloten nach Hause kommen ist es für die Familien nicht durchweg angenehm. Erst sind sie
noch garnicht richtig da, Jetlag, und müssen sich erst wieder in das Familienleben einfinden,
was gerade so los ist, was passiert ist während ihrer Abwesenheit und dann fangen sie an ihrer
Frau zu erklären wie der Geschirrspüler besser zu bestücken ist.
Der große Crash beginnt auf Seite 222 und man könnte noch beim Lesen schier wahnsinnig werden:
Er ruft MAYDAY MAYDAY MAYDAY und der Lotse hört es nicht, weil der gerade selber etwas zu Sullen-
berger sagt.
Man dachte eigentlich, daß die 'glatte' Landung im Hudson River mit Sullenbergers Segelflug-
erfahrung zu tun haben könnte. Hat sie aber nicht. Sondern mit seiner Erfahrung als Jagdflieger.
Er ist nun fast alles geflogen , was es so gibt, diverse Cessnas, T 33, T 38, F-4 Phantom,
Boeing 727, Airbus A 320.
In den heikelsten 5 Minuten seines Lebens war ihm instinktiv folgendes bewußt: Viele Piloten
scheuen sich eine Bruchlandung zu machen weil das immer ein schwarzer Punkt in ihrem Flieger-
buch sein würde. Sie zögern daher zulange , etwa beim Betätigen des Schleudersitzes. Sie denken
sie hätten jede Zeit der Welt. Das war dann ihr letzter Gedanke gewesen.
Auch dessen eingedenk konnte sich Sullenberger so schnell entschließen den Hudson zu nehmen, statt
ohne Power noch zu versuchen einen der Flughäfen zu erreichen.
Am Schluß des Buches ist in Tabellenform die Cockpit-Kommunikation und die Cockpit-Boden-
Kommunikation abgedruckt. Mit Zeitangaben in Minuten und Zehntelsekunden.
Man liest es mit Bewegung.
Kapitän: Mein Flugzeug
Co-Pilot: Ihr Flugzeug
Das geht alles in Zehntelsekunden, bloß, als Sullenberger sagt:
'Wir werden im Hudson landen' Da braucht der Lotse gestrichene 5 Sekunden,
bis er das rafft und sagt: 'Entschuldigung, wiederholen Sie das nochmal'.
Früher gab es einen etwas abgegriffenen Spruch: Da staunt der Laie und der
Fachmann wundert sich. Trifft hier aber voll zu.
Diese Rezension zu lesen , dauert ungefähr so lang wie der Flug von,
Rufname, Cactus fünfzehn-neunundvierzig..
Over