"Man On Wire" lautet der simple Protokolleintrag eines New Yorker Polizeibeamten in die Strafakte des französischen Künstlers Philippe Petit, der am 07.08.1974 kurz zuvor auf den Dächern des World Trade Centers verhaftet wurde. Eine knappe Dreiviertelstunde wandelte der Seiltänzer in 450 Meter Höhe ohne Absicherung auf einem Drahtseil zwischen den beiden Türmen acht Mal hin und her. Als die Polizisten auf den Dächern der Türme erscheinen, setzt er sich auf das Seil und lächelt sie an, spielt mit ihnen, indem er auf sie zukommt und wieder zurückgeht. Er tanzt traumwandlerisch, kniet sich nieder, hüpft auf dem Seil herum und balanciert auf einem Bein. Als der Wind zunimmt und schließlich auch Polizeihubschrauber in die Nähe der Türme gelangen, verlässt er das Seil.
Ende der 60er sitzt der 17-Jährige Philippe im Wartezimmer beim Zahnarzt und liest einen Artikel über den Bau des World Trade Centers, das einmal das höchste Gebäude der Welt werden soll. Für Petit beginnt eine jahrelange Obsession vom tänzerischen Überwinden der Türme. Der Dokufilm von James Marsh verknüpft eng die Errichtung der Twin Towers mit diesem Kunstwerk, das selbst Nixon und Watergate für einen Tag von den Titelseiten verschwinden ließ und dass als das künstlerisches Verbrechen des letzten Jahrhunderts in die Geschichte einging. Von Petit selbst wurde der illegale Auftritt schlicht als Le Coup betitelt. Obwohl das Ende der Türme am 11.09. 2001 nicht ein einziges Mal erwähnt wird, ähneln sich dennoch manche Bilder. Angefangen vom Legen des Fundamentes, das einen gigantischen Krater vergleichbar dem Loch von Ground Zero in den Boden gräbt, bis zu den Menschenmassen am Boden, die fassungslos zu den Türmen hinauf zu Petit starren. So kann man Petits Seiltanz als Gegenpol zu den Terroranschlägen sehen, als friedliches Bezwingen der Türme und der Schwerkraft in kontrastreichen Bildern zwischen dem kleinen Menschen und der überdimensionalen Architektur. Über Jahre hinweg spionierte Petit mit Hilfe eines Teams (das irgendwie an die Truppe aus Soderberghs Oceans 11 erinnert) Möglichkeiten aus, ohne Verhaftung sich Zugang zu den Dächern der Towers zu verschaffen. In Anekdoten erzählen die einzelnen Teammitglieder wie etwa Petits damalige Lebensgefährtin Annie Allix und sein langjähriger Freund Jean-Louis Blondeau über die akribische Planung, Logistik und Durchführung des Drahtseilaktes. Regisseur James Marsh setzt den Film mosaikartig aus Archivmaterial sowie Originalaufnahmen der Crew von Petit, nachgestellten Szenen und aktuellen Interviews zusammen. Die Besessenheit und Hingabe Petits, der seine Erinnerungen sehr beseelt und leidenschaftlich wiedergibt, kommt trotz der jahrelangen Distanz immer noch zum Ausdruck. Dabei zeigt Marsh wie der Coup letztendlich auch die Menschen nachhaltig veränderte, die ihn verwirklichten und lässt die Doku in eine menschliche Tragödie münden.
Der Ton der DVD ist als OmU abgefasst, wobei sich die Untertitel nicht ausblenden lassen. Das Bild liegt in 1,78:1 anamorph vor.