Ein kleines, feines Buch zu Ehren eines ungewöhnlichen Mannes, der seit fast 40 Jahren im Filmgeschäft ist, ohne sich davon beeindrucken oder vereinnahmen zu lassen. Er hat eigene Ziele, die versucht er still und unbeirrt zu erreichen.
Das Buch aus der Arte Edition ist keine Biografie. Es beinhaltet verschiedene Berichte über ihn. Freunde, zum Beispiel Wolfgang Niedecken, kommen zu Wort. Hintergrundinformationen zu seinen Filmen bis hin zu seinem neuesten, "Don't come knocking" kann man erfahren. Besonders interessant fand ich einen Dialog zwischen zwei Menschen, die sich "Million Dollar Hotel" angesehen haben und sich anschließend darüber unterhalten. Sie haben alle Hilfsmittel, die unsere Zeit zu bieten hat. Neben Printmedien auch DVDs und Internetquellen. "Nach dem Kino" ist dieser Abschnitt des Buches betitelt. Die Gedanken der beiden gehen in viele Richtungen. Auch über Rezensionen wird gesprochen. Unter anderem werden Amazon-Leserrezensionen teilweise wörtlich wiedergegeben und kommentiert. Natürlich fehlt auch ein Interview mit Wim Wenders selbst und eine Filmografie nicht. Es ist ein schmales Buch in einfacher Aufmachung, aufgelockert mit einigen Schwarz-Weiß-Fotos. Ein Buch für eingefleischte Wim Wenders Fans eben. Einen Stern Abzug gibt es dafür, dass man ihm nur rund 150 Seiten gewidmet hat. Er hätte mehr verdient und ich hätte gerne mehr über ihn gelesen........
Einmal davon abgesehen, dass ich W. W. Filme aus verschiedenen Gründen einfach "große Klasse" finde, trägt er mit seinen Roadmovies und einem eben doch sehr deutschen, und damit mir gut vertrauten Blick auf Amerika zu meiner latent vorhandenen Sehnsucht nach den Landschaften und skurrilen Orten dort immer wieder aufs Neue bei. (Das Reisen in diesem Land, sich treiben zu lassen von Ort zu Ort, ist ganz anders als bei uns in Europa. Unter dem scheinbar Bekannten, das uns unzählige gesehene Filme aus den Staaten suggerierte, liegt etwas Fremdes. Amerika ist uns nicht so vertraut, wie wir denken, wenn wir denn versuchen, an der Oberfläche kratzen.) Wenn man sich auf eine Reise durch dieses sehr widersprüchliche Land einlässt, ist der Sog der Highways und die psychologische Anziehungskraft der Ferne unwiderstehlich. Unterschwellig spielt das in Wenders Filmen immer eine Rolle, ist immer vorhanden. Er kennt diesen Sog. So kam er auch vor vielen Jahren nach Butte, Montana. Auslöser war wohl das Buch "Red Harvest" von Dashiell Hammett. Dieser Kriminalroman spielt, unter anderem Namen, in Butte und ist nach Wenders Worten, einer seiner amerikanischen Lieblingsromane. Nach der Lektüre dieses Romans wurde mein Interesse an dieser eigenartigen Stadt immer größer. Am liebsten wäre ich sofort hingefahren, realistisch blieb jedoch nur die literarische Spurensuche. Dank der effizienten Suchmaschine und die Möglichkeit, sich für derzeit nicht lieferbare Bücher auf eine Art Warteliste bei Amazon setzen zu lassen, bekam ich schon bald das Buch "Die vergessene Stadt, Butte Montana" in die Hände. Es war 1992 auch der "Ausstellungskatalog" der Galerie Erlangen zu einem Projekt namens "Facing America". Der Autor, Thomas Schadt, war ebenfalls von Butte fasziniert und hielt sich einige Zeit dort auf. Er hat glänzend recherchiert und das Glück gehabt, den richtigen Mann fragen zu können. Butte muss zu seiner Glanzzeit um 1900 herum eine Mischung aus New York, den Alpen und Ruhrpott gewesen sein. Das Buch beinhaltet neben interessanten Beiträgen auch viele Fotos, aktuelle und historische und ist ein "muss" für jeden, dem "Don't come Knocking" auch wegen dieser Stadt gefallen hat. Außerdem ist es für alle Hopper-Fans interessant. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass viele Menschen, die Hopper mögen, auch Wenders Amerikafilme gefallen. So kommt eins zum anderen. Was bleibt, ist der Wunsch, Butte einmal mit eigenen Augen zu sehen und die Vorfreude auf den nächsten Wendersfilm. Wie wäre es mit einer historischen "Wildweststory"? Colorado von Lois Bromfield wäre beispielsweise eine gute Vorlage. Schlechte "Western" gibt es wie Sand am Meer. Bei guten ist das Thema noch lange nicht ausgereizt. Und irgendwann kommen sie vielleicht doch wieder in Mode. Falls sich gute Regisseure der Sache annehmen und vernünftige Western produzieren, Augenzwinkern inklusive.