Sie können entweder einer jener unverbesserlichen Pessimisten sein, die Raumfahrtprojekte jedes Mal mit dem Fingerzeig auf die Kosten ablehnen oder ein eingefleischter Fan – dieses Buch fesselt, und zwar von der ersten bis zur letzten Zeile. Der Grund: Andrew Chaikin hat angesichts der x-fach breitgetretenen, in Wahrheit spärlichen und daher mit Phatos aufgeblasenen medialen Dokumentation des Mondlandeprogramms das einzig Richtige getan. Er hat sich buchstäblich in das Phänomen Apollo versenkt - in stundenlangen Interviews mit den Menschen, die dabei waren – den Astronauten, ihren Familien, den Flugaufsichtteams, den Ingenieuren, den NASA-Managern und Projektleitern, Journalisten und - nicht zuletzt – den Wissenschaftlern. Dies, verbunden mit minutiöser Recherche hat ein großartiges, historisches Dokument ergeben: Wir tauchen förmlich ein in eine Zeit, die uns heute nur noch wie eine verschwommene Legende vorkommt: in die sechziger und frühen siebziger Jahre, eine Zeit, in der es tatsächlich möglich war, dass aufgrund des Aufrufs einer einzigen charismatischen Persönlichkeit innerhalb von acht Jahren ein gesamtnationales Ziel von gigantischen Dimensionen verwirklicht wurde. Die einzelnen Missionen werden chronologisch abgehandelt, mit ausführlichen zeitlichen Rückblenden auf das Leben der zukünftigen Astronauten, die unterschiedlichsten Wege, die sie auf diese Laufbahn geführt haben, sowie den knallharten Wettbewerb um einen Sitz auf einem Flug, bevor es an die Beschreibung der Missionen geht. Nicht vergessen wird auf die – jedoch leicht verständliche und gleichzeitig prägnante – Schilderung der entscheidenden technischen Details und Vorgänge. Doch dieser Aspekt tritt in den Hintergrund, vor dem Hauptanliegen des Buches: den Emotionen und Erlebnissen der gut zwanzig Männer auf einer wahrhaft außergewöhnlichen und großartigen Reise, deren Eindrücke einige der Mondfahrer für immer veränderten. Es sind Eindrücke und Bilder, die keinen Phatos und/oder Patriotismus erfordern, um sie bedeutungsvoll zu machen: sie sind es. Chaikin gelingt es, tiefer in das Erlebnis Mondreise einzudringen, als es jemals zuvor von Außenstehenden getan wurde: vom fast kindlichen Staunen eines Menschen, der zum ersten Mal den Erdaufgang erlebt, oder sich vor dem grandiosen Panorama der Mondoberfläche wiederfindet, bis zu den dramatischen Momenten, in denen die sichere Rückkehr an einem seidenen Faden hängt – und hier sei nicht nur an Apollo 13 gedacht. Auch dies macht das Buch zu einer Zeitreise von ungeahnter Dichte: die unzähligen Backgroundstories, die Insidergeschichten, die hinter jeder Mission in Unmengen zu finden sind und die kein „Das große Apollo – TV – Event“ – Quotenschlager je zu Tage fördern wird – eben weil sie das banale und gefährliche Unternehmen Apollo zeigen. Vom Schacher um Missionssitze über den Grund für die Ausführung des mondumrundenden Apollo 8 – Fluges zu den unzähligen Fast-Unglücken, die zeigten, dass das Apollo-Projekt ein Pionierunternehmen war. Schließlich kommt das Buch zu einem etwas wehmütigen, aber leider berechtigten Fazit: Das Mondlandeprogramm war eine Anomalie, die das Dogma, dass Raumfahrt immer entweder einen militärischen und/oder politischen Nutzen haben muss, wenigstens für eine Zeitlang widerlegte. Die Entscheidung, das Programm nach der 13er Mission fortzuführen, wurde zwar aus politischem Kalkül heraus getroffen, eröffnete diesem einzigartigen Projekt aber die Möglichkeit, seine wahre Natur und seine Potentiale zu offenbaren: Die Flüge 14 – 17 waren ohne Übertreibung Sternstunden der Wissenschaft. Dass die Missionen 18, 19 und 20 vom Kongress zugunsten des Vietnam-Krieges aus dem Budget gestrichen wurden, grenzt an Zynismus. Am Schluss haben wir das Gefühl, das uns etwas fehlt – den jüngeren Generationen in den Geschichtsbüchern, den Astronauten in ihrem Leben. Epilog: Nach dem vorzeitigen Ende des größten Abenteuers der Geschichte zerstreuten sich die Männer in alle Winde. Und für Leser wie Astronauten ist es wie das Ende eines schönen Traums; eines Traums, der zu schön war, um länger anzudauern, der ein Produkt seiner Zeit war und für einige Zeit Wirklichkeit wurde. Diese Wirklichkeit wird nie zurückkehren, deshalb: kaufen Sie dieses Buch, denn es ist eine Zeitkapsel, in der sie bewahrt wurde.
P.S.: Eine fast unumgängliche Ergänzung zu diesem Werk ist der Bildband „Full Moon“ von Michael Light, der die Mondreisen in bestechend scharfen Neubearbeitungen der Fotos des Apollo-Projekts dokumentiert.