Der antideutsche Propagandafilm hatte sich während des Zweiten Weltkrieges insbesondere in Hollywood zu einem eigenständigen Genre entwickelt und hat Filme unterschiedlichster Qualität, vom unsterblichen Klassiker "Casablanca" bis hin zu haarsträubend naiven Machwerken hervorgebracht.
"Man Hunt" von 1941 kann einen gleich aus verschiedenen Gründen interessieren, erstens hat er mit Fritz Lang einen nicht nur renommierten, sondern auch selber deutschen Regisseur, der erst wenige Jahre zuvor nach Hollywood gegangen war und mit "Man Hunt" den ersten seiner insgesamt vier Anti-Nazi-Filme drehte und zweitens ist er mit Walter Pidgeon, George Sanders, Joan Bennett und Kinderstar Roddy McDowell in seinem Hollywood-Debut ausgesprochen prominent besetzt.
Da er außerdem auf einer Romanvorlage beruht, sollte man hoffen können, daß er eine doch zumindest relativ stringente Geschichte erzählt, was aber leider nur bedingt der Fall ist...
Aber der Reihe nach:
Kurz vor Kriegsausbruch streift der bekannte englische Sportjäger Alan Thorndike (Walter Pidgeon) durch das Gebirge nahe Berchtesgaden und kommt dabei (Zufall? Absicht? so richtig wird das nie aufgeklärt) tatsächlich bis auf Schussnähe an Hitlers Anwesen auf dem Obersalzberg heran, wo sich der Herr des Hauses auch zufällig sofort in idealer Abschusspostion aufstellt.
Nachdem Thorndike zuerst ("aus Spaß", wie er lange behaupten wird) mit seinem ungeladen Gewehr herumspielt, lädt er es schließlich doch, wird aber im letzten Moment von einem Wachposten überwältigt und einem finsteren Gestapo-Mann (George Sanders) ausgeliefert, der Thorndike aus sportlichen Gründen genug bewundert, um ihn nicht töten zu lassen, sondern ihn angeblich laufen lassen will, sobald er nur eine Erklärung unterschreibt, wonach er Hitler im Auftrag der britischen Regierung umbringen sollte.
Natürlich weigert sich der aufrechte Thorndike, eine unwahre Erklärung zu unterschreiben, lieber lässt er sich foltern und soll danach durch einen "Unfall" sterben.
Zu diesem Zweck stößt man ihn des Abends einen Abhang hinunter und will ihn am nächsten Morgen "zufällig" tot finden.
Da ist Thorndike aber bereits verschwunden und auf dem Weg nach England, wo er von Sanders (der ihm unter dem englischen Decknamen Quive-Smith nachreist) und dessen Schergen gejagt wird, auf seiner Flucht aber Hilfe von der hübschen Jerry (Joan Bennett) bekommt.
Daß in dem Film ALLE Deutschen bitterböse Nazis und ALLE anderen aufrechte Helden sind, geschenkt, das gehört halt ein wenig zum Genre-Klischee dazu, wenngleich es in besseren Propagandafilmen durchaus auch ein wenig differenzierter gezeichnete Personen gibt.
Daß allerdings alle bösen Deutschen auch noch strunzdoof sind und grundsätzlich entgegen jeglicher Logik handeln, nimmt dem Film aber leider dahingehend nahezu jegliche Glaubwürdigkeit.
Daß der bewaffnete Thorndike auf Schussnähe an den Berghof herankommen konnte, wird immerhin noch mit seiner großen Erfahrung als Jäger und mit seinem Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr für weite Entfernungen zu erklären versucht.
Warum man einen auf frischer Tat ertappten Attentäter aber nicht liquidiert, sondern ihn mittels "Unfall" aus dem Weg räumen will, sich dann allerdings nicht mal davon überzeugt, daß er auch tatsächlich tot ist, das sollte man hier besser nicht hinterfragen, sondern einfach darauf hoffen, daß der Film nach Thorndikes Flucht vom "Unfallort" besser wird.
Zwar müssen wir zunächst noch hinnehmen, daß ein Verletzter, der sich von Berchtesgaden aus zu Fuss fortschleppt, nach kurzer Zeit mal eben (wo soll das sein??) auf ein Schiff stößt, welches nach London unterwegs ist, aber egal, hier wird der Film nun tatsächlich überzeugender.
Mit Hilfe des Schiffsjungen Vaner (Roddy McDowell, der hier für sein Alter und sein Hollywood-Debut gut spielt und ein paar nette, teilweise sogar recht amüsante Szenen mit Pidgeon hat) gelangt Thorndike nach London, wo er seinen Bruder Lord Risborough aufsucht, von dem er sich Hilfe erhofft.
Weitere Hilfe bekommt er von der hübschen Jerry, die sich in ihn verliebt.
Leider aber ist die Figur der Jerry ähnlich überzeichnet wie die bösen Deutschen, ein einfaches, leicht ordinäres Mädchen mit goldenem Herzen, welches von Thorndikes adliger Schwägerin erstmal für eine Prostituierte gehalten wird (wobei so einiges an Jerrys Verhalten darauf hindeutet, daß sie davon auch nicht allzuweit entfernt ist).
Immerhin ist die Szene zwischen Jerry und der etwas bornierten Lady Risborough durch diese Verwechslung durchaus recht witzig.
Schade nur, daß man der wie immer äußerst elegant wirkenden Joan Bennett dieses einfache Mädchen nicht wirklich abnimmt, da nutzen auch ihr breiter Cockney-Akzent und ein schlecht sitzender Rock in dieser Szene nichts.
Auch die Tatsache, daß Jerry Thorndikes untadeliges Benehmen ihr gegenüber (die beiden müssen eine Nacht gemeinsam in Jerrys Wohnung verbringen, wo Thorndike die Situation in keiner Weise auszunutzen versucht, sondern auf dem Sofa schläft) dahingehend missdeutet, daß sie ihm nicht gefalle und daraufhin bitterlich weint, ist etwas, was man einer anderen Darstellerin möglicherweise hätte abnehmen können, was bei der wie immer bereits auf zehn Schritt Entfernung nach "erfahrene Dame von Welt" riechenden Joan Bennett aber einfach nur belustigt.
Wie es sich für einen ordentlichen (?) Propagandafilm gehört, wird der Gute letztendlich natürlich die Bösen besiegen, aber WIE und vor allem mit was für einer "Waffe" er dies bewerkstelligt, das muss man einfach selbst gesehen haben, hätte eigentlich einen Platz auf der Liste der seltsamsten Filmtode aller Zeiten verdient und macht mit seiner Unglaublichkeit, aber auch seiner nicht wegzuleugnenden Fantasie den Film bereits fast alleine sehenswert.
Warum nun trotzdem satte drei Sternchen (und ehrlich gesagt: ich war sogar allen oben genannten Kritikpunkten zum Trotz nahe an vieren!) für dieses oft haarsträubend naive, vor Logikfehlern und Unglaubwürdigkeiten nur so strotzende Propagandafilmchen?
Nun, wie gesagt, Regisseur und Darsteller retten hier doch vieles, Fritz Lang und Kameramann Arthur C Miller zeigen einige wirklich schöne Bildkompositionen mit expressiver Lichtarbeit und langen Schatten, stimmungsvolle Schwarzweißaufnahmen und interessante Bildkadrierungen, eine toll gefilmte Verfolgungsjagd in einem U-Bahn-Schacht und es ist einfach mal interessant, sich anzusehen, auf wie hohem künstlerischen Niveau selbst derart unsägliche Propagandastreifen teilweise gedreht wurden.
Walter Pidgeon spielt überzeugend, Joan Bennett - Fans können diese mal in einer völlig untypischen Rolle sehen und George Sanders verblüfft mit einem überraschend guten, nahezu akzentfreien Deutsch.
Recht berührend ist auch die sich anbahnende Romanze zwischen Thorndike und Jerry, die von Joan Bennett durchaus gut gespielt wird, wenngleich sie hier einfach nicht der richtige "Typ" ist.
Die gemeinsamen Szenen des adligen Gentleman und der Cockney-Mieze, die musikalisch äußerst effektvoll mit dem gefühlvollen Vera Lynn - Klassiker "A Nightingale Sang in Berkeley Square" untermalt werden, sind aufgrund des Zusammenpralls zweier völlig unterschiedlicher sozialer Hintergründe nicht nur sehr schön, sondern teilweise sogar ein wenig witzig.
Vor allem die letzte gemeinsame Szene der beiden geht zu Herzen und erinnerte mich ein wenig an den ein Jahr zuvor erschienenen "Waterloo Bridge" mit Vivien Leigh und Robert Taylor.
Wer sich also ein wenig dafür interessiert, mal zu sehen, wie Hollywood Kriegspropaganda machte und hinzunehmen bereit ist, daß ihn hier kein zweites "Casablanca" erwartet, dem kann ich den Film trotz all seiner Fehler und Schwächen durchaus empfehlen, insbesondere natürlich, wenn er Fan von Fritz Lang oder einer der Darsteller sein sollte.