Um es mal gleich vorweg zu sagen: "Mammuth" ist ein skurriler, teilweise verstörender und unzugänglicher Film, so französisch, dass es leider keinen Spaß mehr macht.
Serge (Gérard Depardieu) hat zeit seines Lebens gearbeitet. Als Türsteher, im Zirkus und zuletzt auf einem Schlachthof. Dieser schickt ihn nun mit 60 Jahren in Rente, was sowohl Serge als auch seine Frau Catherine (Yolande Moreau, "Micmacs") vor Probleme stellt. Serge weiß mit seiner neugewonnenen Freizeit nichts anzufangen und Catherine stellt bei Durchsicht seiner Rentenunterlagen fest, dass ihm einige Arbeitsbescheinigungen fehlen, ohne die er keinen vollständigen Rentenanspruch hat. Also holt Serge kurzerhand sein altes Motorrad, eine Münch Mammut, aus der Garage und macht sich auf den Weg durch Frankreich, um die fehlenden Bescheinigungen einzusammeln. Da seine Engagements teilweise mehr als 30 Jahre zurückliegen, ist dies nicht ganz einfach. Zudem wird er noch von Flashbacks und Halluzinationen geplagt, in denen ihm seine damals durch einen gemeinsamen Unfall ums Leben gekommene Freundin (Isabelle Adjani, mittlerweile 55 und sichtbar geliftet) erscheint. Serges Reise führt ihn an die seltsamsten Orte und mit teilweise sehr merkwürdigen Menschen zusammen. Nach 92 Minuten ist dieser französische Roadtrip vorbei und der Zuschauer verlässt, leicht gelangweilt und milde verstört, das Kino und beginnt sich zu fragen, was um Himmels willen der Regisseur uns damit sagen wollte.
Doch zuerst ein paar Worte zu den Darstellern. Depardieu, mit respektabler Plauze und wehender Rockermähne, dominiert allein ob seiner optischen Präsenz mühelos Film und Leinwand. Sein Spiel ist wie immer über jeden Zweifel erhaben, man nimmt ihm jede emotionale Nuance seines Serge ab, selbst in der Szene, in der dieser große, dicke Kerl Angst hat, nach ewigen Jahren wieder auf seine Mammut zu steigen. Depardieus Serge agiert vorwiegend ruhig, aber keinesfalls besonnen. Er ist nicht der Hellste, aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Die Ehe mit Catherine ist routiniert und scheinbar belanglos, aber die Verbundenheit der Beiden schimmert doch ab und an durch. Auch Yolande Moreau, die vorwiegend burschikose und ruppige Frauenrollen verkörpert, verleiht ihrer Catherine hier ein paar sanfte Momente und überrascht mit Geduld, wo man ein eher aufbrausendes Temperament vermutet hätte. Die Rolle, die Isabelle Adjani hier aufgedrückt wurde, ist so überflüssig wie' überflüssig. Die Handvoll gedroschener Phrasen, die ihr hier aus dem straff gelifteten Gesicht purzeln, trägt weder etwas zur Handlung noch zum Ansehen der Drehbuchautoren bei. Die weiteren Nebenrollen, die sich aus Zufallsbekanntschaften, Verwandschaft und ehemaligen Arbeitgebern zusammensetzen, sind passend besetzt, aber nur Randfiguren.
"Mammuth" hätte ein wunderbares französisches Roadmovie werden können, Darsteller und Ausgangssituation hätten sich dafür bestens geeignet. Man muss natürlich mit einer Geschichte aufwarten, die in ihrem Verlauf nicht immer seltsamer und weniger nachvollziehbar wird. Man muss natürlich zumindest den Hauch einer Ahnung haben, wie man eine Geschichte spannungsvoll oder witzig erzählt. Man muss wissen, welche Subplots Sinn machen und welche komplett überflüssig sind. Und man sollte den geneigten Zuschauer nicht mit pseudoerotischen Szenen verstören, die der Glaubwürdigkeit der Story mehr als abträglich sind. Wenn zwei alte Männer sich, wie es sonst wohl nur sexuell erwachende Teenager tun, gegenseitig einen runterholen, mutet das so befremdlich wie unglaubwürdig an. Wenn ein Sachbearbeiter seine sexuellen Phantasien an seinem Büroschreibtisch auslebt (also nicht am Tisch direkt, nur am Tisch sitzend, versteht sich), will das eigentlich auch keiner wissen. Dazu die pseudo-kryptischen Kalenderweisheiten von Isabelle Adjani und eine überwiegend ereignislose Reise, gespickt mit bereits erwähnten und noch ein paar anderen Absurditäten, die dem Zuschauer diverse Fragezeichen ins Gesicht zaubern, lassen den roten Faden zwar erkennen, allerdings eher pastellrosa als knallrot.
Unterm Strich ist "Mammuth" somit ein bestenfalls teilweise geglückter Film. Pluspunkte gibt es für die Schauspieler, die an sich gute Grundidee und ein paar nette und lustige Szenen. Das weitaus dickere Minus setzt sich aus einem zwischen den Genres hin- und herstolpernden Regisseur, höchstens mäßig talentierten Drehbuchschreibern und überaus schlechtem Timing zusammen. Selbst für bekennende Depardieu-Fans wie mich war "Mammuth" kein besonders guter Film, über den ich mehrmals den Kopf schütteln musste. Insofern kann ich "Mammuth" noch nicht mal Fans des dicken Franzosen wirklich empfehlen, allen anderen schon gleich gar nicht, da selbst frankophile Arthouse-Fetischisten mit dem Film ihre Probleme haben dürften. Deshalb leider nur zwei von fünf Motorrädern, die leider viel zu oft von der Fahrbahn abkommen.