Als Donna den charmanten Victor Cressy kennenlernt, glaubt sie, den Mann ihrer Träume gefunden zu haben. Dass sie sich getäuscht hat, wird gleich zu Beginn des Buches offensichtlich. Eröffnet wird der Roman mit einer Szene aus dem Gerichtssaal: Die geschiedene Paar mitten im Sorgerechtsstreit um die Kinder Adam und Sharon. Während Victor und andere Zeugen Anekdoten aus den vergangenen Ehejahren zum Besten geben, schwenkt die Handlung zurück und beleuchtet Eheszenen, die mitunter zur Scheidung führten und aus Donna ein psychisches Wrack gemacht haben. Victor wird als kontrollsüchtiger, ruhiger und pedantischer Mensch beschrieben. Donna hingegen ist impulsiv, offen und trägt ihr Herz auf der Zunge. Dass sich Gegensätze eben doch nicht immer anziehen müssen, zeigen die streckenweise mehrere Seiten umfassenden Streitereien zwischen den beiden. Hier wird fast schon beängstigend detailliert beschrieben, wie man aus einer Mücke eine Elefanten machen kann und im Eifer des verbalen Gefechts verliert man einen Überblick darüber, wer nun eigentlich den Streit verursacht hat und vor allem, weswegen man sich überhaupt streitet. Das kommt der Realität ziemlich nah; fast jeder wird diese Situationen mit persönlichen Erfahrungen vergleichen können. Man wünscht sich förmlich als Leser, dass die Diskussionen endlich ein Ende haben mögen, versteht aber gleichzeitig, dass keine der beiden Parteien die Flinte ins Korn werfen möchte. Victor zieht sich innerlich zurück, Donna wird immer rasender. Die Machtkämpfe zwischen den beiden arten immer weiter aus. Donna meint, dies sei die Hölle auf Erden und weiß nicht, dass die wahre Hölle erst nach der Scheidung auf sie wartet, nämlich als Victor die Kinder entführt und spurlos mit ihnen verschwindet.
"Sag Mami Goodbye" ist Horrorliteratur auf psychosozialer Ebene. Wo man sich in anderen Büchern vor Blut und Verstümmelungen fürchtet, so tut man es hier vor der Tyrannei Victors und der Labilität Donnas. Die Rollenverteilung "Mann = Täter" und "Frau = Opfer" will jedoch erst in der zweiten Hälfte des Buches zutreffen. Zu Beginn sind beide einfach nur unterschiedlich und Donna wirkt streckenweise anstrengender als ihr Mann. Ab der Buchmitte kommt die Geschichte zudem erst richtig in Fahrt und nimmt enorm an Spannung zu. Nichtsdestotrotz ist der erste Teil wichtig, um die Dramaturgie des zweiten Teils zu verstehen.
Ich finde, dieses Buch ist eines von Joy Fieldings stärkeren Werken. Die meisten messen die Autorin an ihrem Meisterwerk "Lauf, Jane, lauf!", da bin ich keine Ausnahme. "Sag Mami Goodbye" ist zwar nicht ihr bestes Buch, aber wesentlich spannender und temporeicher als zum Beispiel "Lebenslang ist nicht genug" oder "Schlaf nicht, wenn es dunkel wird". Vier Sterne sind in meinen Augen definitiv angemessen.