Diese kleinen, heute fast unglaublichen Geschichten - der Autor hat sie als fünfjähriger Zwerg wirklich erlebt. Bewundernswert ist die enorme literarische Qualität. Das alles ist einfach gut erzählt. Man wird nicht nur sofort von den Episoden und Geschichten gefangen genommen - sie sind realistisch, klar und lakonisch; auch die Wahrnehmung der Welt durch die Augen des Jungen funktioniert wunderbar. Denn die Schocks, die er erlebt - es sind eigentlich permanente Schocks - werden ja nicht als solche beschrieben, eher nur ihre Äußerlichkeit: Der Untergang der Moccatasse, seines größten Schatzes; oder ein sitzender toter Mann hinter dem Bahnhof. Den Rest, die innere Wirkung, imaginiert man. Deswegen liest man weiter, es entsteht ein förmlicher Sog. Der Text macht das Erleben des Jungen erfahrbar, ohne seine Perspektive zu simulieren (und dabei verlogen und im schlechten Sinn "pädagogisch" zu werden). Das Buch erzählt auf diese Art nicht nur von einer "unheroischen" Zeit, in der man aber eine Menge Mut und Entschiedenheit und Lebenswillen brauchte; es erzählt auch sehr viel von Gefühlen - vom Entstehen von Gefühlen - , ohne jemals sentimental zu sein. Dafür ist es viel zu rau und klar; und dafür ist es viel zu komisch.
München, 12. XII. 2006
Dr. Michael Ott
Department für Germanistik und vergleichende Sprachwissenschaft
Ludwig-Maximilians-Universität
München