Messners Alleinbesteigung des Everest über die Nordflanke ohne Sauerstoff 1980 steht in der reichen Geschichte der Everest-Nordseite zweifellos einzigartig da. So ist es nicht verwunderlich, vielleicht gar unvermeidlich, dass sich Messner zum vorläufig letzten Kapitel dieser Geschichte äußert - dem Fund von George Mallory im Mai 1999.
Messner tut dies auf über 200 Seiten „Mallorys zweiter Tod". Doch um es gleich klarzustellen: Nur etwa 20% des Buches sind von Messner selbst, der Rest besteht ausschließlich aus Zitaten der reichhaltigen Everest-Literatur. Und in diesen 20% bedient er sich clever der "Stimme" des verschollenen und wiedergefundenen Mallory. Die Worte, welche Messner bereits auf den ersten Seiten dem Pionier in den Mund legt, sind wegweisend für das gesamte Buch - und müssten jedem Mitglied der Mallory & Irvine Research Expedition die Zornesröte ins Gesicht treiben: Da werden den Mitgliedern Motivationen und Gesinnungen angedichtet, die niemals geäußert wurden; da wird von Ereignissen erzählt, die niemals stattgefunden haben oder zumindest nirgendwo so verzeichnet sind usw. Doch am besten vielleicht einige Beispiele:
Zum Ergebnis der Mallory & Irvine Research Expedition: "...was die Forscher suggerieren: Das Rätsel sei gelöst" (S. 15) "...man hat mich schon lange zum Gipfelsieger degradiert... (S. 25) "...die Behauptung, ich hätte die Spitze des Mount Everest erreicht." (S. 27) Woher nimmt Messner diese Behauptungen? Woraus zitiert er? Kein Mitglied der Expedition hat behauptet, sie hätten das Rätsel gelöst oder Mallory und Irvine hätten den Gipfel erreicht. Sie haben nur behauptet, dass sie es geschafft haben könnten - und der Expeditionsbericht führt Schritt für Schritt aus, was für ein Scheitern, was dagegen, was für einen Erfolg und was dagegen spricht. Sie legen verschiedene mögliche Szenarien dar, begründen sie und ziehen Schlussfolgerungen. Eine derartige genaue Analyse bleibt Messner dem Leser das gesamte Buch über schuldig.
Über Ereignisse während der Suche: "...da wurde gekeucht und geschimpft, gerotzt und geflucht. Ich konnte nur lachen über den Aufschrei, als einer ein schwarzes Stück Fels und nicht die Kodak-Kamera in den Händen hielt." (S. 26) Bei diesem reichlich dilettantischen Versuch, die Suche und die daran beteiligten Personen ins Lächerliche zu ziehen, berichtet Messner/Mallory von einem Ereignis, das so nie stattgefunden hat bzw. nirgendwo so verzeichnet ist, sondern rein der blühenden Fantasie Messners entsprungen ist. Doch er berichtet, als wäre er selbst dabei gewesen.
Über die Gefühläußerungen der Suchmannschaft nach ihrem Fund lässt Messner Mallory sagen: "Mich ekelt vor so viel Ehrerweisung. Und diese Heuchelei!" Zu Messner kann man da nur sagen: "...und dem Leser ekelt vor so viel Unsachlichkeit. Und diese unseriöse Berichterstattung!"
Überhaupt nimmt es Messner in seinem Buch mit historischer Berichterstattung nicht sehr genau: Da werden blind Routenskizzen aus dem Stern und Der Spiegel übernommen, ohne die darin enthaltenen Fehler zu korrigieren oder zu vermerken (S. 22 und 72). Da wird eine Routenskizze aus dem Jahre 1924 aufgeführt, die als Ort der letzten Sichtung Mallorys und Irvines die Zweite Stufe nennt, obwohl Messner beweisen will, dass gerade dies nicht möglich gewesen sein kann (S. 30). Quellennachweise für Zitate fehlen fast völlig, ebenso einige wichtige Literatur zu Mallory (z.B. Holzel & Salkeld, The Mystery of Mallory and Irvine oder die verschiedenen Biographien Mallorys).
Anstatt Odells Bericht seiner letzten Sichtung Mallorys und Irvines einmal genauer unter die Lupe zu nehmen - und damit meine ich nicht Odells Äußerungen in Gesprächen mit Messner mehr als 60 Jahre nach den eigentlichen Geschehnissen -, qualifiziert ihn Messner mit Generalisierungen ab: "...wie viel von seiner Sichtung war Hoffnung, wieviel Rechtfertigung, wieviel Trost? Die Höhe narrt uns doch alle, und schon aus einer Distanz von einem Kilometer beruhen solche Beobachtungen auf Lichtreflexen... In solchen Höhen sind Halluzinationen keine Seltenheit, und er hat sich ja gewünscht zu sehen, was er dann zu sehen glaubte." Wie herrlich suggestiv - und geschickterweise ohne jeden unmittelbaren Gegenbeweis. Aber auch ohne jeden Beleg. Und wenn sich Messner schon solcher Generalisierungen bedient, kann man dies nicht geradezu als Einladung verstehen, dieselben Kriterien an Messners eigene Berichte und Beobachtungen zu legen?
Ein weiteres Beispiel für die historische Berichterstattung Messners, der laut Klappentext "den höchsten Berg der Welt und seine Geschichte besser kennt als jeder andere": Über die lange umstrittene chinesische Expedition von 1960 lässt er Mallory sagen: "Wenn sie aber am Second Step stecken bleiben, so wie ich stecken geblieben bin, ist das zwar kein Grund zur Panik, aber Betrug. Warum erzählen sie später von Holzpflöcken und Seilresten, die sie über der letzten Steilstufe gefunden haben wollen?"
Messner dürfte einer der wenigen Personen sein, die weiterhin das Gerücht um diesen Fund aufgreift und dazu nutzt, den chinesischen Bericht zu diskreditieren. Dabei braucht es dies gar nicht: Bereits in einer der ersten Quellen dieses Berichtes (American Alpine Journal, 1983) wird darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Information um einen Übersetzungsfehler des Dolmetschers handelte und die von den Chinesen angegebenen Höhen und Positionen auf einen Fund am Standort des Lagers VI von 1933 hindeuteten. So steht es auch im jüngsten Werk über die Geschichte des Bergsteigens in China (History of Mountaineering in China, 1993). Wenn Messner tatsächlich Dokumente besitzt, die - wie behauptet - "belegen, dass die Chinesen 1960 an der Zweiten Stufe gescheitert sind" (Der Spiegel), warum hat er sie dann nicht längst in einem seiner Bücher der Öffentlichkeit vorgelegt, aus ihnen zitiert und sie als Quelle aufgeführt? Und wie erklärt sich Messner dann bitte ein Foto aus dem chinesischen Film von 1960, das die Dritte Stufe und die Gipfelpyramide zeigt und eindeutig von oberhalb der Zweiten Stufe aufgenommen wurde? In den ersten Berichten der Chinesen finden sich zudem topographische Details, die sich mit den letzten 250 Metern des Gipfelanstiegs von Norden decken - einen direkten Beweis für die Besteigung gibt es darüber hinaus jedoch nicht.
Die Berichterstattung über die Mallory & Irvine Research Expedition und über die chinesische Expedition von 1960 sind die zwei schlagendsten Beispiele dafür, wie Messner tatsächlich berichtet: Statt wirklich neue Erkenntnisse präsentiert er altes und überholtes Material, statt wirklicher Zeugenaussagen versteigt er sich in Spekulationen über Gesinnungen und Motivationen der Zeugen.
Damit sagt dieses Buch am Ende vielleicht mehr über Messner selbst aus als über Mallory.