Zweimal war ich bisher auf Mallorca: 1993 und 2009. Die Entwicklung, die jene beliebte Ferieninsel in diesem Zeitraum nahm, ist beinahe beängstigend.
Ein neuer Flughafen ist aus dem Boden gestampft worden, Siedlungen mit Ferienhäusern und Urlaubergettos wuchern ungebremst in einst idyllische Olivenhaine hinein, Infrastruktur in Form von Autobahnen und breiten Landstraßen überziehen die Insel, damit der Urlauber ohne Zeitverzögerung auch in den entlegensten, ruhigsten Winkel und die letzte ungestörte Badebucht vordringen kann. Stille Orte und Erholung sucht man beinahe vergebens. Alles wird durchorganisiert und verplant, am Aussichtspunkt Cap Formentor bilden sich lange Schlangen, das Piepsen der digitalen Speichermedien in den Händen der Tagestouristen ist ohrenbetäubend.
Auf den wöchentlichen Ansichtskarten ist davon nichts zu sehen. Die Bausünden wurden gut versteckt, Buchten ziehen sich malerisch die Küstenlinie emtlang, magisches Licht verteilt sich über die Insel, von einer vorhandenen Überbeanspruchung der Natur ist nichts zu sehen.
Das ist nicht verwunderlich. Würden all die Sünden auf dem Postkartenkalender gezeigt, würde niemand mehr nach Mallorca fahren wollen. Vielleicht noch die Ballermänner- und Ballerfrauen. Und der Kalender würde keine Käufer finden, weil die Bilder mitsamt ihren touristischen Auswüchsen in aller Deutlichkeit das Gegenteil der Iylle beweisen.
So gaukelt der Kalender eine heile Welt vor, die es kaum noch gibt. Der Wochen-Sehnsuchts-Kalender entwickelt auif diese Weise einen ganz anderen Charakter: die Sehnsucht nach einem Mallorca, wie es einmal gewesen ist.