4.0 von 5 Sternen
Über die Unmöglichkeit Lebensgeschichten zu begreifen, 12. September 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Mall oder Das Verschwinden der Berge. (Taschenbuch)
Kann das gut enden, wenn es am Anfang schon an die Tür klopft? Man weiß ja, wie es Kafkas armem Joseph K. erging. "Hätte ich gewußt, was mich erwartete, ich hätte nicht noch einmal aufgemacht. Aber wie man eben die Tür aufmacht, wenn es klopft, machte ich die Tür auf", heißt es auf der ersten Seite des Buches. Und es kommt, wie es kommen muß: "Es waren sechs Männer, die mich leicht zögerlich grüßten und forschend anschauten. Im ersten Augenblick wußte ich nicht recht, was ich mit ihnen anfangen sollte. Einer von ihnen gab mir die Hand, sagte, daß er Arzt sei, und stellte mir ein paar Fragen, auf die ich nicht sofort eine Antwort fand. Wahrscheinlich hatte ich sie nicht richtig verstanden." Sicher ist er sich nicht, Ulrich Hörmann, der Erzähler; sicher ist nur, was nach seinem Gang zur Tür geschieht: Man nimmt ihn mit. Doch Ulrich H. ist nicht Joseph K. Er hat das Schlimmste hinter sich. Seine Geschichte (er erzählt sie als ein gescheiterter Selbstmörder in einer Heilanstalt) ist die einer Suche nach einer Geschichte. Zunächst forscht er nach seiner eigenen. Der Arzt, schreibt er, sagt, "ich hätte mich über Wochen nicht mehr gewaschen und mein Haar habe sich zu verfilzen begonnen. Ich sei über Wochen kaum mehr aus dem Haus gegangen, hätte kaum mehr Spaziergänge gemacht." Ulrich gibt erst nach und nach etwas von sich preis. Er ist, er war ein junger Krankenpfleger in Zürich; sein letzter Patient starb ihm in den Armen, der gewesene Bergwerksingenieur Carl Mall, 87 Jahre. Ulrich erlebt aus Malls Erzählungen dessen Geschichte nach, und das Schweigen auf die Frage, ob er 1942 Eisenerz nach Deutschlang geliefert hat läßt ihn verzweifeln, denn nach Malls Ende geht er in die Berge, quartiert sich ein in einem Kaff am Fuße des Gonzen, jenes Berges, den Mall aushöhlte. Die Geschichte verläuft nach bekannten Mustern: Der junge Verstörte als schwermütiger Schmerzensmann, der Berg als Symbol der gewaltigen Aufgabe, der Alte in der Agonie, die Suche nach der Geschichte. Trotzdem hat die Geschichte etwas, denn Ulrich findet sein Ziel nicht, er bleibt zerstört durch Malls Geschichte, kann weder die Geschichte noch sichNacherleben retten - beeindruckend. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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