Thomas Wildgruber: 'Malen und Zeichnen 1. bis 8. Schuljahr'
Unter dem Titel: 'Malen und Zeichnen 1. bis 8. Schuljahr: Ein Handbuch' hat der Waldorflehrer Thomas Wildgruber ein Werk vorgelegt, welches einen umfassenden Einblick in einen intensiv durchdrungenen Kunstunterricht gewährt und eine reichhaltige Quelle, diesen schöpferisch zu entwickeln, darstellt.
Schon beim ersten Durchblättern des 375 Seiten umfassenden Buches kommt dem Betrachter eine überaus große Anzahl von Bildern und schönen Schülerarbeiten entgegen. Diese Fülle ist in eine sehr übersichtliche Struktur von farblichen Hinterlegungen der einzelnen Themengebiete gefasst. Die Gestaltung des Buches ergibt eine anschauliche 'Gebrauchsanweisung', die sich dem Leser unmittelbar erschließt und zum Vertiefen in die verschiedenen Kapitel einlädt.
Dem Buch ist ein Einleitungsteil voran gestellt, in dem der Verfasser das Anliegen einer kompositionsbezogenen Gestaltungsweise anhand kurzer, treffender Bild-Werkanalysen vornimmt und durch sorgfältig ausgewählte Äußerungen bedeutender Persönlichkeiten von künstlerischer und geisteswissenschaftlicher Seite unterlegt. Selbst neueste Erkenntnisse aus einer erweiterten Sinneslehre sowie der modernen Hirnforschung sind einbezogen. Schon die Einleitung erfolgt auf hohem Niveau (47 Quellenangaben) und bietet tiefe Anregungen für die Wahrnehmung von Kunst.
Durch eine umfassende Darstellung des malerischen Übungsweges, den der Maler und Pädagoge Lajos Boros parallel zu seinem Lebenswerk entwickelt hat, gibt Thomas Wildgruber die Richtung für den entwickelten pädagogischen Ansatz vor und legt zugleich die 'geistige Heimat' offen. Dieser Übungsweg stellt einen außerordentlichen erwachsenenpädagogischen Schatz dar, der sich hinter dem Buchtitel verbirgt. Dieser Erstveröffentlichung im Rahmen dieses Buches, so erfreulich sie ist, hätte eine eigenständige Veröffentlichung zugestanden.
Der größte Teil des Buches zeigt die Darstellung und Dokumentation altersgerechter künstlerischer Aufgabenstellungen. Kurz und treffend sind die ca. 20 Bildthemen pro Klasse in 'Überlegungen', 'Aufgabenstellung' und 'Anmerkungen' gegliedert. Jedem Alter gemäß werden die Kompetenzen, die erworben werden können, beschrieben.
Die Aufgabenstellungen, teilweise aus den Erzählstoffen des Unterrichts entstanden, sind aus einer intensiven Wahrnehmung der altersgemäßen Situation der Kinder entwickelt. Sorgfältig erwogene menschenkundliche Betrachtungen liegen diesen zugrunde. Das Besondere des Ansatzes besteht darin, dass Thomas Wildgruber die Aufgabenstellungen bis in gestalterische Fragen der Farbgebung und Komposition vorstrukturiert und sie den Schülern als 'Spielregeln' an die Hand gibt. Dabei setzt er im Wesentlichen auf die von Lajos Boros entwickelten und im Einleitungsteil dargestellten 'polaren' Bildstrukturen. Diese, spielerisch angewendet, führen zu meist äußerst stimmig wirkenden, Freude und Zustimmung beim Betrachter auslösenden Ergebnissen. Einem möglichen Einwand, dass hier mit Einschränkungen 'gespielt' wurde, steht die entstandene Vielfalt, die zu den einzelnen Aufgaben dokumentiert ist, entgegen. Es scheint, dass gerade indem sich das einzelne Kind an etwas 'messen' darf Persönliches zum Vorschein kommt.
Der hier aufgezeigte Entwicklungsweg stellt ein gründliches schrittweises Erüben von wesentlichen Fähigkeiten im Künstlerischen dar. Dabei wird größter Wert auf die kompositorischen Aspekte eines harmonierenden Bildaufbaus gelegt. Die Aufmerksamkeit des Schülers ist nicht nur mit der Frage des Gegenständlichen befasst, vielmehr wird der Bildentstehungsprozess aus den Mitteln vordergründig. Die 'Spielregeln' sind darauf angelegt. Anhand der vielen stimmigen Ergebnisse diesen Weg wahrzunehmen ist äußerst spannend.
Solcherart am unmittelbar Gestalterischen geschulte Kinder können später ihrem Cezanne'ihrem Nolde, ihrem Marc u.v.a.m. begegnen und sie wie Altbekannte begrüßen. Wie klingt doch der sehnsuchtsvolle Ruf von Paul Klee nach: 'Uns trägt kein Volk!' Vielleicht dürfen wir uns darum kümmern, dass in diesem Sinne eine Vorbereitung geschieht nicht zuletzt damit wieder Künstler jenseits weit verbreiteter Beliebigkeit aus dem Vollen schöpfen können und zur elementaren Gebärde des Gebens bereit sein werden um so gemeinsame kulturelle Kraft zu entfalten.
Wie Obertöne schwingen die Zeitfragen mit, auf die das Buch zu antworten scheint: Welche Rolle kommt dem Künstlerischen in der menschlichen Entwicklung zu? Was bewirkt ein am Wesentlichen ausgebildetes Fühlen für den Menschen? Welche Rolle spielt freudiges Üben?
Sind die geweckten gestalterischen Kräfte Grund legender Natur für eine schöpferische Lebensgestaltung?
Dieses Buch lädt künstlerisch und pädagogisch interessierte Menschen ein zur Teilhabe an dem reichen Erfahrungsschatz, den der Verfasser in 8 Jahren künstlerisch dokumentierter Klassenlehrerzeit zusammen mit den Kindern angehäuft hat. Eine warme Empfehlung für dieses 'Handbuch' von Thomas Wildgruber, das sicher zu einer sehr wertvollen Inspirationsquelle werden kann. Großer Dank gebührt auch dem Wegbereiter Lajos Boros.
Holger Schade
Kunstlehrer, FWS Greifswald