Male werden allgemein als die erste deutsche Punk-Band angesehen: Gegründet wurden sie bereits Ende 1976 in Düsseldorf, eine der Hochburgen des frühen Deutschpunks. Zunächst noch englisch textend, gingen sie recht schnell zu deutschen Texten über. Man kann sie somit getrost als Pioniere der deutschen Musik ansehen, insbesondere des Punk und der damit verbundenen Neuen Deutschen Welle. Ihr erstes und einziges Album erschien 1979, und im Jahre 1980 lösten sie sich bereits wieder auf, nachdem sie unter dem Namen "Vorsprung" noch eine Single veröffentlicht hatten -- Frontmann Jürgen Engler schrieb dann mit den "Krupps" weiter Geschichte. In den 1990ern fand dann eine kleine Reunion statt, es wurde noch eine EP herausgegeben, und seit 2002 sind die Jungs wieder aktiv.
Diese CD nun vereinigt die Stücke der 1990er-Reunion -- die EP zusammen mit einigen unveröffentlichten Songs -- mit denen des ersten Albums und gibt somit einen guten Überblick über das Schaffen dieser Band.
Die Platte beginnt mit den Stücken aus den 1990ern. Diese sind ziemlich straighter, urtümlicher Deutschpunk, dreckig, schnell und gemein, aber nicht wirklich herausragend. Spaß aber macht es schon, etwa "Die Toten Hosen ihre Party", das damals ein kleinerer Punk-Hit war und bei dem deutlich wird, dass Campino in der Punk-Szene nicht nur Freunde hat... Nett außerdem die Cover von "Innenstadtfront" von Mittagspause, ein weiterer Klassiker des frühen Deutschpunks, und die gutgelaunte "Nasty Nasty"-Version von 999s Hit aus dem Jahre 1978. Dazu gibt es eine neu eingespielte Version ihres ganze 35 Sekunden langen Erstlings "Shit Family" -- hier hätte ich mich über das Original aber mehr gefreut...
Die folgenden Songs stammen nun alle von der 1979er "Male", und ihretwegen lohnt es sich, diese Platte zu kaufen: Wundervoller, dreckiger und facettenreicher Deutschpunk zwischen aggressivem Polit-Geknüppel und lockerem Fun-Punk. Hervorzuheben ist die punk-untypische ambitionierte Gitarrenarbeit -- satter Klang, melodisch und abwechslungsreich. Als repräsentativ für den typischen Male-Sound empfehle ich zum Reinhören "Risikofaktor 1:X", "Kontrollabschnitt", "Haftbefehl" oder "Polizei, Polizei" -- letzteres ist wohl ein archetypischer Songs des deutschen Punk Rocks. "1 Tag Düsseldorf" erinnert hingegen von seiner düsteren Stimmung und verstörenden Sounds her fast schon an die frühen Joy Division.
Zum Schluss bietet die Platte einige Songs, die aus dem üblichen Punk-Rahmen herausfallen: "Zensur Dub" ist, wie schon der Name sagt, eine gelungene, entspannte und kuriose Dub-Version ihres Hits "Zensur & Zensur"; "KH 3" ist zwar rein technsch Punk, macht aber ganz unpunkig einfach nur gute Laune; und "Erinnerungen" schließlich ist ein ruhig-beschwingtes Instrumental und klingt kaum noch nach Punk, sondern eher nach den New Wave-Pionieren Television.
Fazit: Die ersten Songs aus den 1990ern sind nicht wirklich Knüller und können wohl nur Fans empfehlen werden, doch die 1979er Platte ist einfach nur guter, abwechslungsreicher Punk Rock zwischen Freude und Frust und verlässt auch mal die eingetretenen Punk-Pfade. Jeder, der deutschen Punk mag, sollte hier zumindest mal reinhören -- die Platte ist ein echter Klassiker.
PS: Diese Platte gibt zwar ein recht vollständiges Bild von Males Schaffen, aber wie ich jetzt erst erfahren habe, enhält die Doppel-CD "Großeinsatz 1977-1994" das komplette Studio-Werk von Male -- neben den hier versammelten Stücken auch auch die hier nicht vertretenen Singles "No Future in 1977" (1977) und "Clever & Smart" (1979).