Der österreichische Maler Hans Makart (1840-1884) war im späten 19. Jahrhundert eine internationale Berühmtheit, denn über die Malerei hinaus beeinflusste er benachbarte Künste wie Theater, Dekoration und Mode. Er war ein Gestaltungsgenie, ein Künstlerstar, der vor allem die Wiener zu begeistern wusste. Während in Chicago der erste Wolkenkratzer als Symbol der Moderne errichtet wurde, ritt Makart im Rubens-Kostüm unter riesigem Applaus über die Wiener Ringstraße.
In diesem Jahr sind in Wien zwei große Ausstellungen dem "Malerfürsten" gewidmet. Während im Wiener Belvedere die Ausstellung "Makart - Maler der Sinne" einen repräsentativen Überblick über sein Schaffen gibt, beleuchtet die Ausstellung "Ein Künstler regiert die Stadt" die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungszusammenhänge von Makarts Kunst. Zu beiden Ausstellungen sind im Prestel Verlag die entsprechenden Kataloge erschienen.
Ausgangspunkt der Ausstellung "Ein Künstler regiert die Stadt" und Inbegriff des Makart-Stils ist sein Atelier, das er bewusst zur Repräsentation und Selbstinszenierung gestaltet hatte. Es war weit mehr als eine Malerwerkstatt, sondern ein Aktionsraum für gesellschaftliche Ereignisse. Der Katalog zeigt mit zahlreichen historischen Fotos dieses Prunkatelier der Gründerzeit, ebenso seine kalkulierten Skandalgemälde, die ihn schlagartig bekannt machten.
Makart, der Richard Wagner persönlich kannte, hat dessen "Ring der Nibelungen" in expressiven Gemälden festgehalten. Außerdem schuf er zu zahlreichen Werken der Weltliteratur und des Theaters Bühnenbilder und Theatervorhänge. Darüber hinaus war er ein äußerst gefragter Porträtist der Wiener Gesellschaft.
Neben diesem umfangreichen Bildteil bringt der Katalog auch einen Textteil mit elf Aufsätzen von renommierten Kunsthistorikern. Sie beleuchten das Phänomen Makart und seinen Weg zum erfolgreichen Ringstraßenkünstler in der Zeit des Historismus. Abschließend werden unter Berücksichtigung der jeweiligen Rahmenbedingungen Vergleiche zu den Superstars der Kunst in der Neuzeit, wie Andy Warhol Joseph Beuys oder Damien Hirst, gezogen. Hans Makart eine Pop-Ikone des 19. Jahrhunderts?!
Fazit: "Ein Künstler regiert die Stadt" ist ein exzellenter Bild-Text-Band, der durch seine hochwertige Aufmachung und die ausgezeichneten Farbabbildungen besticht. Die weiterführenden Essays sowie ein umfassender Anhang mit einem chronologischen Überblick über Makart und seine Zeit und einer Bibliografie machen den außergewöhnlichen Band im Verein mit dem Katalog "Maler der Sinne" zu einem Standardwerk des Wiener Historismus.
Manfred Orlick