Auf seiner Homepage bittet Reinhard Mey um Verständnis dafür, dass er angesichts seiner familiären Situation (sein Sohn Max liegt seit letztem Jahr im Wachkoma) bei diesem Album auf Medienpräsenz verzichtet, und er hat natürlich Recht mit seinem Hinweis, dass sich seine Lieder wachen Hörenden sowieso von selbst erklären. Er schreibt auch: "...das Schreiben, die Musik und die strenge Struktur der Arbeit haben mir Halt gegeben." Nun taucht ja Reinhard Meys Portrait auf vielen seiner Alben auf, aber sein Gesichtsausdruck auf dem Cover von "Mairegen" sagt alles.
Gleichzeitig macht das Album deutlich, dass Mey sich nicht von Trauer und Sorge überwältigen lassen will, wie der letzte Satz des Albums in "Was keiner wagt" (einem von Konstantin Wecker vertonten Text von Lothar Zenetti) zum Ausdruck bringt: "Wo alles dunkel ist, macht Licht." Es war zu erwarten, dass das Album nicht witzig ausfallen würde; "Mairegen" ist von einer angenehm nachdenklichen Ruhe und Besinnlichkeit geprägt, ohne jedoch depressiv zu wirken, es wird an keiner Stelle laut und ist mithin nicht nur eins von den Mey-Alben mit dem meisten Tiefgang, sondern auch mit den sparsamsten, homogensten Arrangements in seiner Karriere seit langem, mindestens seit "Farben" (1990) (und erhöht so einmal mehr den Kontrast zum von mir wenig geschätzten Vorgänger "Bunter Hund").
Der Anteil an Songs, die von Erinnerungen handeln, ist höher als üblich ("Das erste Mal", "Gute Seele", "Mairegen", "Rotten Radish Skiffle Guys" (eine Reminiszenz an die Band seiner Jugend), "Spring auf den blanken Stein", "Das Butterbrot"), in ihnen klingt die stützende Funktion an, die sie für ihn im Laufe des Jahres, das er an den Songs schrieb, hatten.
Reinhard Mey scheint - zwangsläufig - näher bei sich zu sein: das einzige Liebeslied an seine Frau, "Wir sind eins", rührt trotz oder gerade wegen seiner Unsentimentalität. Mit "Antje" findet sich wieder ein liebevolles Portrait einer "ganz normalen" Frau, das überzeugender wirkt als etwa der thematisch ähnlich gelagerte Titelsong "Rüm Hart" von 2002.
"Gegen den Wind", "Gute Seele" und "Was keiner wagt" sind Appelle, seine Individualität zu leben, den Mut nicht zu verlieren und gegen den Strom zu schwimmen oder anders gesagt: "Fliegen kannst du nur gegen den Wind."
In "Larissas Traum" geißelt Mey in stillen, dafür umso treffenderen Worten die deutsche "DSDS"-Brot und Spiele-(Un-)Kultur, weniger die Mentalität der Kandidaten als viel mehr die der "drei Juroren" und nicht zuletzt auch der glotzenden Masse, die diese Shows überhaupt erst finanziert und möglich macht. Ich finde es unglaublich, welche Wucht, welche analoge Aussagekraft über die Lage der Nation in der Doppeldeutigkeit der Refrainzeilen "...Deutschland kanzelt ab (!), (...) Deutschland will nur spielen, Deutschland tut doch nichts" liegt.
Wie zu erwarten, hat Reinhard Mey auch ein Lied an seinen Sohn geschrieben: Mit dem Titel "Drachenblut" assoziiere ich den verzweifelten Wunsch, sein Sohn Max - oder er selber - mögen so unverletzlich sein wie Siegfried in der Nibelungen-Sage, dessen Bad in Drachenblut ihn (bis auf eine blattgroße Stelle) so gut wie unbesiegbar machte. Eine tiefe innere Zerrissenheit kommt zum Ausdruck, wenn er einerseits von der "Entschlossenheit, dich in die Welt zurückzulieben" singt, um den Refrain hingegen mit der Zeile "mein fernes, mein geliebtes Kind, schlaf ein" zu beenden. Ich habe den Songtext einer Freundin vorgelesen und hatte allein dabei mit Tränen zu kämpfen, selten hat ein Lied mich so berührt wie dieses. Dies umso mehr, als ich erst heute alte Songs wie "Kleiner Kamerad" oder "Du bist ein Riese, Max" hörte, die Mey über seine Söhne schrieb, als diese noch Kleinkinder waren. "Drachenblut" ist für mich der stille Titel des Albums.
Im Herbst 2011 wird Reinhard Mey mit diesen Liedern auf Tournee gehen; wie eine Mitrezensentin schrieb, ist es schwer vorstellbar, ob und wie "Drachenblut" darunter sein kann.