Verehrter Amazon-Kunde; gestatten Sie mir, dass ich mich an dieser Stelle einmal persönlich an Sie wende: Bevor wir mit der eigentlichen Rezension beginnen, tun Sie mir doch den Gefallen und scrollen Sie doch nocheinmal nach oben zu den Produktdaten dieses Buches. Tun Sie's ruhig; ich warte solange.
So - haben Sie gesehen, wie viele Seiten der Roman "Main Street" umfasst? Lassen Sie es sich auf der Zunge zergehen '904; neunhundertundvier Seiten. Zum Vergleich: "Ulyssess" hat 990; "Anna Karenina" 999 und "Die Brüder Karamsow" sogar 1031 Seiten. Natürlich hängt dies in der Regel von der jeweiligen Ausgabe ab - was ich damit aber eigentlich zum Ausdruck bringen will, ist, dass es sich bei den oben genannten Romanen um Jahrhundertromane handelt, die episch aufbereitete Geschichten mit einer Vielzahl verschiedener Charaktere erzählen ' selbst jene, die sich nicht sonderlich für Literatur interessieren, haben zumindest den Titel schon einmal gehört. Um es kurz zu machen: Manche Werke rechtfertigen ihren breiten Umfang durch ihren Inhalt, und gehen dafür in die Literaturgeschichte ein; manche aber nicht.
Sinclair Lewis war der erste Amerikaner, der jemals den Literaturnobelpreis bekam. Das ist eine Auszeichnung, die durchaus Qualität verspricht. Internetquellen preisen ihn als Satiriker und Entlarver der kümmerlichen Ideale des amerikanischen Mittelstands. Mit "Main Street" gelang ihm seinerzeit der Durchbruch ' das schien ein Buch, das man gelesen haben sollte.
Der Autor erzählt die Geschichte von Carol Kennicott, einer idealistischen jungen Frau, die, frisch von der Universität, einen Landarzt heiratet, und mit ihm in seinen spießigen Geburtsort Gopher Prairie in Minnesota zieht. Carol fühlt sich bald eingeengt, und bemüht sich, den engstirnigen Stadtbewohnern ein wenig Kultur und Weltgewandtheit zu vermitteln. Ihre Ideen werden aber eher feindselig entgegengenommen; sie selbst sieht sich als zivilisationsbringende Befreierin, die anderen Stadtbewohner empfinden sie aber als Fremdkörper.
Soweit so gut: Auf meiner englischsprachigen Ausgabe des Romans prangte der Schriftzug "ungekürzte Fassung". Dies fand ich schon vor dem Lesen etwas sonderbar: Wenn die reguläre Kauffassung (nicht etwa die Schulfassung o.ä.) eines Romans den Schriftzug "ungekürzt" als Werbetext verwendet, dann liegt die Vermutung nahe, dass der Roman gewisse Längen, Trockenheiten und überflüssige Handlungsstränge besitzt - es ist normalerweise die Aufgabe des Lektorats diese Herauszukürzen; wenn also ein Roman damit wirbt, ungekürzt zu sein d.h. seine überflüssigen Passagen immer noch zu besitzen, dann kann etwas nicht stimmen, und genau darum geht es hier:
Anfangs hatte ich einfach nur angenommen, Lewis braucht mehr Zeit als andere, die Stimmung zu etablieren, und die Ereignisse des Romans würden sich einfach in sehr langsamen Tempo entfalten; bis ich schliesslich den Mittelteil des Buches erreichte, und mir schlagartig klar wurde, dass sich die Handlung bislang keinen Zentimeter von ihrer Ausgangsposition fortbewegt hatte: Denn das Schwanken der Hauptfigur zwischen Resignation und neu aufflammendem Widerstand gegen den Provinzialismus bildet die einzige Bewegung in diesem insgesamt fast komplett Handlungsfreien Roman. Das Buch läuft und läuft und läuft, ohne jemals zu einer Katharsis zu gelangen: Carol rebelliert (sie eröffnet ein Theater, oder eine Bibliothek), hat keinen Erfolg; zieht sich zurück; und vier Kapitel voller urbaner Beschreibungen später, versucht sie es erneut.
Nachdem rund dreiviertel des Romans hinter mir lagen, hatte ich hoffnungslos den Überblick verloren, und ich wage zu behaupten, dass es dem Autor selbst nicht anders ging: "Main Street" ist vergleichbar mit einem gestopften Kissen, dessen Nähte bereits aufplatzen, so dass die Füllung hervorquillt ' Lewis presst Charaktere, Handlungsstränge, Exkurse in sein Werk, als würde er nach Zeilen bezahlt: Am Schluss steht man als Leser hilflos vor einer Menagerie von auswechselbaren Pappkameraden, die alle einmal kurz durchs Bild spaziert sind, dann für die nächsten 50 Seiten sang- und klanglos wieder verschwanden, nur um dann plötzlich wieder aufzutauchen.
Dabei schreibt Lewis nichteinmal besonders witzig oder auch nur ansatzweise originell - streckenweise hatte ich das Gefühl, die ersten Gehversuche eines eitlen Teenagers vor mir zu haben, der noch nie in seinem Lesen ein Buch gelesen hat: Nicht nur dass seine Romanfiguren kaum auseinanderzuhalten sind; die zeitliche Dimension dieses Romans ist verzerrt, wie von einem Schwachsinnigen. Da gehen einmal drei satte Kapitel über die Ereignisse eines einzelnen Nachmittags drauf; dann endet ein anderer Stelle ein Kapitel mit der flüchtigen Zeile "Und für die nächsten drei Jahre sollte sich auch nichts daran ändern."
Ich hatte immer gedacht, das Nobelkomittee hätte sich erst mit der Jelinek blamiert, aber seit ich Sinclair Lewis kennengelernt habe, muss ich meine Meinung diesbezüglich revidieren.
Es gibt schlechte Bücher, es gibt langweilige Bücher ' und es gibt komplett missratene Bücher, an die man sich sein ganzes Leben lang zurückerinnern wird, einfach weil sie so durchweg mies waren. "Main Street" gehört für mich eindeutig dazu. und nach diesem literarischen Martyrium, das mich vier Monate meines Lebens gekostet hat, und das ich mir zum Schluss nur noch stumpf hineingezwängt habe, wie kalte Pampe, bin ich für jeden Menschen dankbar, den ich vor diesem Werk bewahrt habe.