Fécamp an der bretonischen Küste. Der unbescholtene, allseits beliebte Kapitän des Fischdampfers >Océan< wird in einer windigen Juninacht erwürgt und ins Meer geworfen. Schnell steht für die Behörden fest, dass nur einer als Täter in Frage kommt: Pierre Le Clinche, der Funker des Dampfers, der während der Fahrt kaum ein Wort mit dem Kapitän gewechselt hat. Doch diejenigen, die Pierre kennen, halten ihn für den „nettesten Jungen in der Gegend". Und so wird Maigret, der Pariser Kommissar vom Quai des Orfèvre, eingeschaltet, dem Funker zu helfen.
Für den Kommissar ist es nicht leicht, den verschlossenen Seeleuten Informationen zu entlocken. Die Fahrt der >Océan< stand unter keinem guten Stern, soviel ist bald klar. Die Männer reden vom „bösen Blick", der auf dem Schiff lastete. Doch wo ist das Motiv für einen Mord?
„Maigret am Treffen der Neufundlandfahrer" ist ein früher Roman Simenons, geschrieben im Juli 1931 an Bord der Ostrogoth, eines Bootes, auf dem er zu der Zeit lebte. Diese Nähe zum Meer ist im Roman zu spüren und diese Atmosphäre ist es auch, die ihn - wie alle Bücher des Autoren - absolut lesenswert macht.
Andererseits wird in diesem Buch die Schattenseite von Simenons Arbeitsweise deutlich. Selten sitzt er mehr als zehn bis zwölf Tage an einem Roman. Wenn das erste Kapitel konzipiert ist, schreibt er den Rest in einer Art Trance. Er läßt sich treiben und oft wird erst spät das Thema deutlich, das sich aus der Geschichte herausschält.
So stehen hier im ersten Kapitel Personen in den Mittelpunkt, an denen Simenon im zweiten Kapitel bereits das Interesse verliert und die im weiteren Romanverlauf keine Rolle mehr spielen. Und das Thema des Romans, die verheerende Wirkung, die leidenschaftliche Sexualität auf das Leben ehrbarer Männer haben kann, beginnt sich erst langsam ab dem dritten Kapitel herauszuschälen, um dann jedoch immer klarer in den Mittelpunkt des Romans zu rücken, und mit psychologischer Präzision verfolgt zu werden.
Doch die Botschaft, die Simenon vermittelt, ist nicht moralisch. Er zeigt das Scheitern zweier Existenzen an einer großen, erotischen Liebe. Aber er beschreibt nur, er wertet nicht. Das ist seine Stärke.