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Auch in dieser Hinsicht ist Simenon ein Mann der Superlative: Nur wenige Autoren haben eine so lange und ertragreiche "Grundausbildung" durchlaufen wie er. Seine Bibliografie umfasst -- neben zahllosen Erzählungen und Feuilletons -- knapp 200 unter Pseudonym erschienene Groschenromane, darunter bereits vier mit jener Gestalt, die ihn weltberühmt machen sollte: Kommissar Maigret. Den ersten "offiziellen" Roman um den Pfeife rauchenden Beamten schrieb er schließlich 1929, der zwei Jahre später unter dem Titel
Pietr-le-Letton seinen Weg zwischen zwei Buchdeckel fand.
Zur Handlung: Maigret erwartet die Ankunft eines internationalen Verbrechers, gegen den trotz gründlichster Vorarbeit durch Interpol noch keine stichhaltigen Beweise vorliegen. Am Bahnhof erlebt der Kommissar eine Überraschung: Ein vornehmer Herr, auf den die Beschreibung des Mannes passt, steigt aus dem Zug und wird kurze Zeit später im Zug tot aufgefunden. Maigret folgt dem vornehmen Herrn in das Palasthotel "Majestic" und wird Zeuge, wie dieser sich mit einem amerikanischen Milliardär trifft, woraufhin sich beide scheinbar in Luft auflösen!
Maigret und Pietr der Lette ist einer jener typischen Maigret-Romane, in denen sich der Kommissar mit einer Folge unerklärlicher Ereignisse konfrontiert sieht, sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen lässt, und Zug um Zug einer Auflösung entgegenarbeitet. Auch wenn dieser frühe Roman noch etwas stark auf die Methodik der polizeilichen Ermittlungen pocht und zu viele Ausrufezeichen verschießt, schildert Simenon bereits klarsichtig die Lebensumstände seiner Figuren und ihre wechselseitigen Verstrickungen. Einiges schmeckt noch sehr nach US-amerikanischer Dutzendware, doch der 26-jährige Autor hat seinen Stil gefunden -- und den ersten von 76 (!) Maigrets geschrieben! --Hannes Riffel
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Pietr der Lette
OT Pietr-le-Letton OA 1931 DE 1978Form Detektivroman Epoche Moderne
Mit Pietr der Lette begann die Erfolgsgeschichte des Phänomens Georges Simenon. Obwohl die Figur des Kommissars Jules Maigret vom Autor im ersten Maigret-Roman noch nicht voll moduliert ist, weist das Buch bereits alles auf, was die Faszination dieser Literatur ausmacht und den Weltruhm des Autors begründet.
Entstehung: Mit seichten Erzählungen und Groschenromanen zu Erfolg und Geld gekommen, ließ sich Simenon einen Segelkutter bauen und stach 1929 in See. Im holländischen Delfzijl musste das Schiff repariert werden. Während der Arbeiten zog sich Simenon auf ein verrottetes Boot zurück und schrieb den ersten Maigret-Roman. Mit dem französischen Verleger Fayard kam er überein, zunächst genügend Romane um diesen Kommissar zu verfassen, um dann ab 1931 in geballter Form auf den Markt zu drängen. Um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf seine Bücher zu lenken, veranstaltete Simenon im Februar 1931 in einem Pariser Nachtclub einen »Bal anthropométrique«, zu dem er vierhundert Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur, von Presse und Polizei einlud. Alles war in grausige Krimi-Atmosphäre getaucht, die Gäste mussten am Eingang ihre Fingerabdrücke erfassen lassen. Die Aktion war ein grandioser Erfolg: ganz Paris sprach von Maigret, noch bevor der erste Roman erschienen war.
Inhalt: Interpol kündigt der Pariser Polizei die Ankunft und Weiterreise eines vielgesuchten Kriminellen an: Pietr der Lette, Kopf einer Bande von Betrügern, soll auf seiner Reise nach Bremen kurzen Aufenthalt in Paris haben. Ein Fall für Kommissar Maigret, den zumeist ein wenig mürrischen Menschenfreund, der sich bei Regen und Sturm zum Nordbahnhof aufmacht. Dort kann er beobachten, wie der Gesuchte in Richtung eines Hotels hastet. Doch im Zug findet sich eine Leiche und auf den Toten trifft die Beschreibung des gesuchten Letten gleichermaßen zu. Maigret begibt sich in das Hotel, in dem er den zuerst beobachteten Mann vermutet, doch der ist verschwunden und mit ihm ein vermögender Geschäftsmann.
Es folgt wie in allen Maigret-Romanen eine Geschichte von den Leiden und Schmerzen des Lebens, von der Suche nach dem Schuldigen und den Umständen, die ihn schuldig werden ließen. Dabei führt Simenon den Leser in die typische Maigret-Atmosphäre ein. Er zeigt einen Beamten mit anarchistischen Anwandlungen, der weiß, wie es um die Welt bestellt ist, der weiß, dass es wenig bedarf, um vom Kommissar oder Opfer zum Täter zu werden. Es gibt nicht nur eine Wahrheit, die Menschen sind nicht so beschaffen, dass man ihnen mit den Kriterien des Strafgesetzbuches beikommen könnte. Maigret ist in erster Linie ein Detektiv der Seele und des Sozialen, den das »warum« immer mehr interessiert als das »wer«. Er weiß, dass seine Arbeit ebenso notwendig wie sinnlos ist. Mit der Auflösung eines Falls ist nichts geklärt.
Struktur: Simenons Herkunft von der journalistischen Reportage ist diesem Buch durchaus anzumerken. Die Sprache ist bewusst einfach gehalten, Aussagesatz reiht sich an Aussagesatz, die in diesem Genre in der Regel üppig eingesetzten Adjektive finden wohltuend sparsam Verwendung. »Literarisch« im herkömmlichen Sinn wirkt das Buch am ehesten in der Charakterisierung der Atmosphäre einzelner Orte und Milieus, die Simenon auf beeindruckende Weise gelingt und ein unverwechselbares Element in seinem Werk darstellt.
Wirkung: Der Roman Pietr der Lette bildete den Auftakt zu einer Reihe von 75 Romanen, mit denen es Georges Simenon gelang, seinen Helden Jules Maigret zum bekanntesten Kommissar aller Zeiten zu machen. Über 50 Verfilmungen und eine nicht mehr zu überblickende Anzahl von Adaptionen fürs Fernsehen trugen zur Popularität Maigrets und seines Schöpfers bei, der zum meistgelesenen, meistübersetzten und auch meistverdienenden Autor seiner Zeit wurde. R. F.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.