Der Begriff Literatur muss komplett neu überdacht werden. Lottmann vereint alles, was sich bisher in Büchern gegenseitig ausschloss: Eloquenz und Humorhaftigkeit, ausufernde Fabulierkunst und ein Gefühl für tieferliegende Wahrheiten, Bildungsbürgerattitüden und Querulantenästhetik, Fluxus und militanter Durschmarsch, Sex und Politik.
In seinem Debütroman "Mai, Juni, Juli" dreht sich alles ums Schreiben, bis sich der Leser mitdreht. Wortmächtig und zielsicher wie einst Odysseus schlängelt sich Lotte durch die Klippen des Romanhaften und thematisiert dabei das Leben und Streben eines reifenden Autors während seiner Inkubation mit einem neuen Buch. Ein Roman im Roman im Roman. Ich plädiere dafür, Schiller und Lessing aus dem Lehrplan zu streichen zugunsten dieses interpretationsoffenen Werkes, das alle anderen Literaturgattungen in sich vereint. Historienschinken, Bildungsbuch, Entwicklungsroman, Erotikthriller - all das ist es nicht. Die Qualität ist eine neue, die neunte Sinfonie. Ich plädiere darauf, Goethe und Schiller zugunsten dieses - doch das sagte ich bereits.