Sondern ,Mai`, die Mutter von Sunaina, der Ich-Erzählerin in diesem Roman von Geetanjali Shree. Wer sich für moderne Literatur aus Indien interessiert, und zwar vor allem die authentische, aus den indischen Sprachen übersetzte, wird an diesem Buch eine faszinierende Lektüre finden. Selten kann man sonst einen so tiefen Einblick in das subtile Beziehungsgeflecht, die Sitten und Rituale eines traditionellen Drei-Generationen-Haushalts gewinnen. Sunaina erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Nordindien, von ihrem patriarchalischen Großvater und ihrer ebenso liebevollen wie scharfzüngigen Großmutter, ihrem Vater, einem überaus frommen Hindu, der dennoch eine außereheliche Beziehung unterhält, und vor allem von ihrer Mutter, der scheinbar so unterdrückten ,Mai`, die sich aber zunehmend als das stärkste Mitglied der Familie entpuppt.
Mit viel Witz und Ironie beschreibt Sunaina ihre Schulzeit in einer englischsprachigen ,Convent School` und später ihre Erlebnisse im Studentinnenheim, die raffinierten Tricks, mit denen sich die Mädchen einer vermeintlich lückenlosen Überwachung entziehen. Tragik entsteht aus dem ständigen Bemühen Sunainas und ihres Bruders, die Mutter aus dem ,Gefängnis` der Familie zu befreien. Das Geschwisterpaar versteht in seinem Fortschrittsdenken nicht, dass ,Mai` mit ihrer Rolle als Hausfrau im Grunde einverstanden ist und diese sogar immer kreativer ausgestaltet.
Der Draupadi Verlag verdient ein großes Lob, Geetanjali Shree entdeckt und eine Direktübersetzung ihres Romans veranlasst zu haben.