Kurzbeschreibung
Wozu Zwiebeln? Warum reizen sie die Augen? Woher rührt ihre Heilwirkung? Warum ist diese Zutat in manchen Kulturen überaus beliebt, in anderen dagegen extrem verpönt? Solche Fragen stellt Margaret Visser. Die Anthropologie des Essens ist ein unendliches Thema. Deshalb griff die Autorin zu einer Methode, die verblüffend einfach anmutet. Sie wählte ein Menü, das überall auf der Welt gang und gäbe ist: Maiskolben mit Salz und Butter; Hühnchen mit Reis, grüner Salat, angemacht mit Olivenöl und Zitrone; Eiskrem.
Neun Zutaten, neun Kapitel. Jedesmal wird die Geschichte eines Lebensmittels untersucht, die Traditionen, Sitten und Tabus, die sich mit ihm verbinden, seine biologischen, chemischen, lebensmitteltechnischen und ökonomischen Aspekte. Auf diese Weise entsteht eine atemberaubend kenntnissreiche und höchst amüsante Enzyklopädie des Essens.
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"Seit Jahrtausenden wird über die Kräfte und Verwendungsmöglichkeiten des milchigweißen Safts spekuliert, der im Salat enthalten ist. Schon in der altägyptischen Mythologie wird diese Substanz mit Samenflüssigkeit assoziiert. Der Salat der Ägypter hatte schlanke, spitz zulaufende Blätter, die sich um einen hohen phallusartigen Stengel legten. Er war dem Gott Min geweiht, zu dessen Ehren man bei festlichen Umzügen tragbare "Salatbeete" mitführte. Dieser Gott war vor allem für die Vegetation und die Fortpflanzung zuständig, sein Tier war ein weißer Bulle, der zur Steigerung seiner Potenz reichlich grünen Salat zu fressen bekam. Min, einer der ältesten Götter im ägyptischen Pantheon, wurde mit erigiertem Phallus dargestellt. Er trug eine Kappe mit zwei hohen Federn und zwei langen Bändern, die ihm über die Schulter herabhingen, und in der erhobenen Hand hielt er einen Dreschflegel. Seine Priester bestrichen ihn mehrmals mit einer schwarzen, pechartigen Substanz, die den fruchtbaren Bode n Ägyptens und die Verheißung künftigen Wachstums symbolisieren sollte. Beim Erntefest brachte ihm der Pharao feierlich zwei große Salatköpfe dar. In ägyptischen Gräbern aus zahlreichen Epochen sieht man diese Szene auf Reliefs dargestellt, von denen die ältesten etwa viereinhalbtausend Jahre alt sind. Wenn der Pharao während des Erntefestes seinen Nachfolger zeugte, so identifizierte er sich dabei vermutlich mit dem Gott Min. Dessen Schrein stand in einem Garten, in dem lauter Salate wuchsen. Im Niltal ist noch heute die Ansicht verbreitet, daß grüner Salat potenzsteigernd wirke. Diese Vorstellung scheint bis in pharaonische Zeiten zurückzugehen, denn in den übrigen mediterranen Regionen, aus denen die Salatpflanze ursprünglich stammt, hält sich seit über zweieinhalbtausend Jahren eine ganz andere Sichtweise. Einer weniger verbreiteten Tradition zufolge ist Salat ein Symbol für weibliche Sexualität und der gleichen Vorstellung begegnet man in sumerischen Texten aus dem dritten vorchr istlichen Jahrtausend, in denen die Schamhaare der Göttin Inanna mit Salatblättern verglichen werden. Aber im großen und ganzen stimmen die meisten Quellen darin überein, daß Salat kalt und einschläfernd ist- also das genaue Gegenteil eines Aphrodisiakums. "Salat vertreibt die Fleischeslust", schreibt Andrew Boorde im Jahre 1542. Moderne Chemiker bestätigen, daß die Milch der Salatpflanze, besonders der wilden Sorte Lactuca virosa (wilder Lattich), tatsächlich eine schlaffördernde, opiatartige Substanz enthält. Lattichsaft (Lactuarium) wurde früher als Beruhigungsmittel bei Schlafstörungen, Nervosität, Rheumatismus, Husten, Koliken und bei Seekrankheit verwendet. Eingedickt und zu weißen Pillen verarbeitet, wurde er als schmerzlinderndes Mittel (kombiniert mit Mohnsamen) an Patienten verabreicht, die sich einer Operation unterziehen mußten. Lactuca virosa wird heute noch, speziell in Frankreich, zur Herstellung von Tinkturen für Husten und Bronchialleiden angepflanzt. Die beruhig ende Wirkung dürfte auch den Sexualtrieb dämpfen. Die Menschen haben der Pflanzenwelt gern solche Heilkräfte zugeschrieben, die der jeweiligen äußeren Erscheinung entsprachen. Pflanzen mit lungenförmigen Blättern beispielsweise wurden bei Atembeschwerden gegessen. Paarfrüchte sollten die Geburt von Zwillingen fördern, und Walnüsse, die wie kleine Gehirne aussehen, galten als geeignete Medizin bei Hirnhautentzündung. Im Mittelalter hieß diese Auffassung die Signaturenlehre, und viele Autoren wünschten sich, anhand vergleichbarer Signaturen auch den Wert eines Menschen erkennen zu können. Die alten Griechen kannten einen Salat, der ihnen besonders geeignet erschien, Lustgefühle zu verhindern. Er war dick und rund (allerdings kein Kopfsalat, diese Sorte wurde erst später gezüchtet) und hatte sehr kurze Wurzeln, war also das genaue Ggenteil der langen, phallusartigen Variante. Pythagoras empfahl seinen asketischen Schülern s