Der historische Film ist eine schwierige Gattung. Für seine einzelnen Genres gibt es eine Fülle von Schubladen und auch Klischees, die durch eine lange Historie der Literatur und des Filmschaffens gewachsen sind. Es ist nicht einfach, deren Fallstricke zu umgehen und wirklich eigenständig und seiner Geschichte gegenüber adäquat aufzutreten. Allerdings gibt es positive Beispiele, wo es gelang und ein historischer Stoff in der Bearbeitung durch Autoren und/oder Filmregisseure seinen Reichtum auffaltet, z.B. Luchino Viscontis Mehrteiler "Ludwig II" von 1972 mit Helmut Berger, Romy Schneider und Trevor Howard.
"Mahler auf der Couch" von Felix und Percy Adlon zeigt in allen Kategorien, wie man es nicht machen sollte. Der Film ist Ausweis eines Scheiterns auf ganzer Linie und präsentiert das Elend des deutschen Films seit den 70er Jahren - nicht nur mit Blick auf den historischen Stoff sondern auch mit Blick auf alle nur denkbaren formalen Kriterien.
Bis zum Bersten aufgeladen mit vordergründiger Dramatik und jenem gespreizten, eitlen, äußerlichen Schauspiel, das so typisch für den bundesdeutschen Film ist, missrät schon der Einstieg vollkommen. Johannes Silberschneider als Gustav Mahler wird zum Klischeebild des Künstlertypus', wie ihn sich der Kleinbürger vorstellt. Vom Skript und der Inszenierung wird er bis zur Lächerlichkeit als geplagter Genius zurecht drapiert. Direkt von Anbeginn erscheint der Rollencharakter als Zerrbild - Ausdruck eines grundlegenden Missverständnisses seitens der Autoren.
Solch ein Hanswurst soll der Komponist und Dirigent Gustav Mahler gewesen sein? Und solch vulgäre Schnepfe mit pubertären Allüren und Attitüden, Alma Mahler in der Darstellung durch Barbara Romaner, war seine geliebte Ehefrau? Überheblich, zickig und banal kommt der weibliche Gegenpart daher - großteils durch ihre Promiskuität definiert. Dem Zuschauer wird die Mittdreißigerin zudem als "Gymnasiastin" verkauft, die sich in ihrer gesamten Lebensphase mit Mahler äußerlich kein bisschen verändert.
Einstellung für Einstellung serviert man dem Publikum den hinlänglich bekannten, seit Jahr und Tag abgehalfterten Bierernst deutscher Filmemacherei, der mit "Mahler auf der Couch" einen weiteren Tiefpunkt erreicht. Achtung, Filmkunst mit Schmunzeleinlagen! Oder ironiefrei formuliert: Fernsehunterhaltung als Kunst maskiert!
Nein, die Adlons lassen im Verlauf ihres Filmchens mit seiner TV-Ästhetik kein Fettnäpfchen aus. Unerotische Sexszenen, steife Theatralik aus dem Lehrbuch der Schauspielschule, unglaubwürdig vulgäres Auftreten einzelner Darsteller mit Tabubruch-Signalement wie anno dazumal - 1968 nämlich. All das wirkt grotesk peinlich, allen voran Mathias Franz Stein als Almas Klavierlehrer Alexander von Zemlinsky, der kaum auszuhalten ist. Schlimm ist auch die Darstellung der Psychoanalyse. Du lieber Himmel, das ist Sigmund Freud für Arme!
Man muss Freud nicht im Original gelesen haben, was für mich zutrifft, um im Kinosessel die Hände überm Kopf zusammen zu schlagen. Die ach so populären Zitate aus Freuds Schriften dienen der Bestätigung allgemeinen Halbwissens über Hintergrund und Prozedere psychoanalytischer Methoden. Die ganze Pseudo-Sitzung als Aufhänger für die kritische Beleuchtung biografischer Untiefen in der Beziehung von Gustav und Alma Mahler ist ein Unfug. Da beugt sich "Sigi" am Ende über den "Gustl" und raunt ihm zu, dass er "nicht Herr im eigenen Haus" sei. Unfassbar!
In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich hervorragendes Kino aus Skandinavien und auch aus Österreich gesehen. Es gibt in Europa eine Kinotradition, die immer wieder Überraschendes hervorbringt. Warum findet dergleichen in Deutschland partout nicht statt? Wann wird es hierzulande endlich gelingen, aus dem Schatten der 60er und 70er heraus zu treten und etwas zu präsentieren, was nicht verquast, gestelzt und in seiner Überdramatik irrelevant daher kommt. "Mahler auf der Couch" ist ein weiteres Machwerk der Marke "Filmkunst", das einen den Glauben an eine Wende zum Guten im deutschen Kino zunehmend verlieren lässt.