Rattles Interpretation von Mahlers 10. Symphonie ist solide und routiniert, im Vergleich zu den anderen Versionen, die ich kenne, allerdings auch nicht mehr als das. In Bezug auf die Gliederung der Orchesterstimmen gibt es erstaunlich viele Ähnlichkeiten zu der 11 Jahre zuvor aufgenommenen Version von Chailly, ganz besonders im ersten Satz, doch besteht zwischen den beiden Versionen ein erheblicher Unterschied: Rattle bleibt emotional stets erstaunlich distanziert und nüchtern, während Chailly (ebenso wie übrigens auch Gielen und Sinopoli) die Emotionalität des Werkes viel stärker betonen. Bei Rattle fehlt auch der älplerische Einschlag, den Gielen und Chailly immer wieder betonen, und ebenso ist vom sehr österreichisch-katholischen Schmerzgefühl (welches Sinopoli durch langsame Tempi immerhin in ein nahezu buddhistisch-meditatives Element umwandelt) hier nichts zu spüren. Rattle macht einfach nur sein Ding, er versucht nicht einmal orchestrale Grandezza, wie es Bernstein tut. Dabei sind Rattle und die Berliner alles andere als schlecht, aber sie wirken einach zu abgeklärt: im Vergleich zu den anderen hier genannten Versionen kommt bei ihnen weder ein Schwelgen, noch ein Schaudern und auch kein Mitfühlen auf. Es ist mit Abstand die nüchternste Version, die ich kenne, und das widerspricht eigentlich der Natur von Mahlers Musik.