Diese Aufnahme verdient wirklich das alte Gelb-Label-Logo. Die Einspielung unter Gilbert Kaplan ist in keinster Weise vom Dirigenten kommerziell gedacht. Gilbert Kaplan ist "Besessen" von dieser Sinfonie, und das hört man auch voll und ganz bei jedem Ton und jeder Note in dieser Aufnahme. Das Wort Referenz sowie die Auferstehung des alten Gelb-Label-Logos sind sicherlich keine Übertreibung oder Werbestrategie, sondern einfach nur berechtigt. Ich habe noch nie eine solche durchgehende Steigerung und eine dermaßen in sich geschlossene Einspielung der zweiten Sinfonie gehört. Nur ein kleines Beispiel von sehr vielen: Das "Urlicht" hat sich noch nie so harmonisch und traurig in das Gesamtwerk integriert angehört; bisher klang jener Vokalteil immer nur einfach nach Fremdkörper in dieser Sinfonie; will sagen, man wurde aus einer Stimmung radikal herausgerissen und anschließend ebenso radikal wieder in die Stimmung des vorherigen Instrumenalsatzes versetzt. Dieser Fehler ist nun korrigiert. Außerdem sei noch zu erwähnen, das Gilbert Kaplan den gigantischen finalen Chor komplett in den Publikumsbereich des Hauses verlegt, welcher durch diesen Effekt nun diesem Chor einen gespenstischen, tragischen und monumentalen Klang sowie zusätzlich noch eine sehr große Dominanz zukommen läßt. Meiner Meinung nach wird nun der erste Satz gravierend langsamer und stellenweise erheblich melodiöser dirigiert, was natürlich nicht heißen soll, das jener einleitender Satz nun an Kraft und Volumen verloren hätte, denn das Gegenteil ist jetzt der Fall. Das kommt einer Trauerfeier nun schon erheblich näher. Der letzte Satz der Sinfonie kommt dafür so wuchtig - wie früher der erste Satz - rüber, durch diesen Effekt steigert sich die Sinfonie nun enorm in ihrer Spannung. Das dieses so ist, liegt jedoch nicht am Dirigat von Gilbert Kaplan sondern an der Tatsache, das hier die letzte überarbeitete neue Version Gustav Mahlers vorgetragen wird. Ursprünglich war der 1. Satz als die "Totenfeier" seiner ersten Sinfonie gedacht; Mahler war wohl sehr wütend darüber, das seine erste Sinfonie damals nicht so erfolgreich wurde. Die weitergehende Überarbeitung Gustav Mahlers an dieser zweiten Sinfonie, welche erst kurz vor seinem Tod abgeschlossen und als letzt gültige Version markiert wurde, revidiert nun jene Wut Gustav Mahlers wieder; daher ist der erste Satz nun sicherlich auch stellenweise erheblich ruhiger angelegt als zuvor. Bisher hatte ich immer den Eindruck das zwischen der "losgelösten" Todenfeier und dem ersten Satz der zweiten Sinfonie kein Unterschied besteht. Bei der Chailly-Einspielung auf DECCA wird die Totenfeier als Bonus-Track nochmals separat im Anschluß gespielt, dort habe ich leider keinen großen Unterschied zum ersten Satz der Sinfonie hören können. In dieser erwähnten Einspielung von Riccardo Chailly kommt es mir so vor, als hätte man ganz einfach nur den ersten Satz auf der CD am Schluß der Sinfonie noch einmal komplett identisch aufgeführt. Ich höre dort leider keinen Unterschied. Nach dieser Kaplan'schen Einspielung kann man nun den ersten unrevidierten Satz als separate "Totenfeier" zur Sinfonie Nr.1 stehen lassen und auch endlich einmal separat zur zweiten Sinfonie aufführen, denn nun macht dieses endlich auch einmal total Sinn.
Ich finde, das der Kauf dieser Einspielung unter Gilbert Kaplan eine besonders lohnenswerte Investition ist, welche dem Zuhörer hierbei sicherlich über Jahrzehnte hinweg keine Langeweile, sondern im Gegenteil einfach nur perfekte grandiose Emotionen inclusive Gänstehaut pur, bereiten wird. Schade ist nur, das sich Gilbert Kaplan bisher nur auf die zweite Sinfonie von Gustav Mahler konzentriert hat; weitere neue Aspekte, Sichtweisen, Interpretationen der Werke Mahlers unter Gilbert Kaplan sollten meiner Meinung in Zukunft ganz bestimmt noch erscheinen.
Wenn eine klanglich, aufnahmetechnisch, als auch musikalisch überdurchschnittlich, hochwertig und qualitativ überragende CD in den Regalen liegt, wie diese "Mahler 2" unter dem überragenden und einmaligen Dirigat von Gilbert Kaplan mit den - absolut perfekt und vor Spielfreude strotzenden - Wiener Philharmonikern sowie dem zugehörigen grandiosen Singverein, dann kann man hier nur schlichtweg von einer neuen Referenz Aufnahme reden, welche mir heute sogar noch besser gefällt als die legendäre Einspielung von Leonard Bernstein auf Sony.
Diese CD ist wirklich nicht mit Gold aufzuwiegen und hat eine Ausnahmestellung in meiner CD-Sammlung über alle Stilrichtungen hinweg.